Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!
Liebe Schwestern und Brüder!
Es reicht! So sagen viele. So denken viele. In vieler Hinsicht. Genug der
Skandale! Wie kommen wir dazu, immer als Mitglieder der Kirche quasi haftbar
gemacht zu werden für Vergehen, die wir nicht begangen haben? Nur weil es
immer gleich heißt: "die Kirche"!
Ja, eindeutig gibt es nur den Weg der Wahrheit. "Die Wahrheit wird euch
frei machen" (Joh 8,32). Aber Wahrheit ohne Barmherzigkeit? Doch kommt
gleich die Frage: Barmherzigkeit mit wem? Mit den Opfern zuerst! Sie wurden
und werden oft übersehen, ja womöglich noch irgendwie der Mitschuld
verdächtigt. Nein, es ist notwendig, hier wirklich die Opfer vor die Täter
zu stellen, Schuld beim Namen zu nennen. Und es ist notwendig, nach den
Ursachen sexuellen Missbrauchs zu fragen. Dazu gehört die Frage der
Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der 68er-Generation
mit der "sexuellen Revolution" geschehen ist. Dazu gehört das Thema Zölibat
genauso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung. Und dazu gehört eine große
Portion Ehrlichkeit, in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft. Und vor
allem gehört dazu das klare Wort Jesu vom vergangenen Sonntag: "Meint ihr,
nur diese Galiläer waren Sünder, weil das mit ihnen geschehen ist, alle
anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso
umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt" (Lk 13, 3).
Bei jedem neuen Missbrauchsfall, ob in der Kirche oder bei anderen
geschehen, stelle ich mir daher die Frage: Und du, hast du schon wirklich
Schritte der Umkehr getan?
Wir stehen vor der 2. Delegiertenversammlung von "Apostelgeschichte 2010". Die erste war eine große Freude, ein tiefes Erlebnis für viele. Die zweite findet in der "österlichen Bußzeit" statt. Es ist kalt. Wir haben scharfen Gegenwind. Wir stehen beschämt und besudelt da. Wird diese Versammlung uns etwas von der Kraft der Auferstehung spüren lassen? Von der Kraft des Auferstandenen? Das erhofft für uns alle
Ihr
Christoph Kardinal Schönborn
PS: Die österreichischen Bischöfe haben sich bei ihrer
Frühjahrsvollversammlung in St. Pölten ausführlich mit dem Thema "Umgang mit
sexuellem Missbrauch" auseinandergesetzt. Auf der Grundlage dieser Gespräche
wurde eine Presseerklärung verabschiedet, die ich Ihnen übermittle:
Presserklärung der Frühjahrsvollversammlung der Österreichischen
Bischofskonferenz
Ein Wort Jesu ist zum Thema Missbrauch eine klare Vorgabe: " Es ist
unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet.
Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins
Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt. Seht
euch vor!" (Lk 17,1-2) Man kann nicht schärfer vor jeder Form von Missbrauch
warnen. Jesu drastisches Bild vom Mühlstein will auf die Schwere der
Verletzungen hinweisen, die hier "den Kleinen", d.h. den Wehrlosen zugefügt
werden.
Besonders nachhaltig sind die Verletzungen, die sexueller Missbrauch
zufügt, vor allem dort, wo ein starkes Vertrauensverhältnis besteht: in der
Familie und in der Kirche. Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche und
in der Gesellschaft wurden oft verschwiegen. Für solche Vorkommnisse kann es
nur Reue, die Bitte um Vergebung und das Bemühen um Heilung der Wunden
geben. Dies gilt in besonderem Maß für die Kirche, an die zu Recht hohe
ethische Ansprüche gestellt werden.
Daher haben die Bischöfe großen Respekt vor jenen, die bereit sind, über
ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld zu sprechen.
Es ist nur zu erahnen, wie viel Überwindung und Mut es braucht, die
Erinnerung an erlittenen Missbrauch in Worte zu fassen. Nur so ist die
Begegnung mit der befreienden Wahrheit möglich. Die Bischöfe haben aber auch
Verständnis für all jene, deren Schmerz, Angst oder Wut noch zu groß sind,
um sich über den Missbrauch zu äußern.
Leider wurden in der Vergangenheit zu Unrecht in der Kirche die Täter oft
mehr geschützt als die Opfer. Mit Scham und Trauer stellen die Bischöfe
fest, dass sich erst in den letzten Jahren in der Kirche in Österreich die
Erkenntnis durchgesetzt hat, dass bei Missbrauchsvorwürfen nichts anderes
zählt als die Wahrheit, die allein frei macht (vgl. Joh 8,32). Nur
Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit tragen dazu bei, erlittene Wunden zu
heilen. Daher laden die Bischöfe alle ein, die Missbrauch erlitten haben,
sich an die Ombudsstellen der einzelnen Diözesen zu wenden, wo sie einen
geschützten und vertraulichen Rahmen für das Gespräch haben. Ebenso fordern
die Bischöfe die Täter auf, ehrlich Rechenschaft zu geben. Nur wo erzählt
und gehört und das Geschehene anerkannt wird, können alle in der Wahrheit
frei werden.
In den vergangenen 15 Jahren haben die Diözesen Österreichs eine Reihe von
Maßnahmen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch getroffen. In allen Diözesen
bestehen Ombudsstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche.
Entscheidend ist der klare und konsequente Umgang der kirchlichen
Verantwortungsträger mit konkreten Verdachtsfällen und Vorwürfen. Die Sorge
um die Opfer muss an erster Stelle stehen. Entsprechende Konsequenzen für
die Täter sind zu ziehen.
Über die schon bisher getroffenen Maßnahmen hinaus stellen die Bischöfe
fest, dass Verbesserungen in folgenden Bereichen notwendig sind:
(red)