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"Der erste Schritt der Evangelisierung"
© Kathbild.at/Rupprecht"Das Angebot der 'guten Nachricht' des Evangeliums kann immer nur ein freundschaftliches sein", schreibt Kardinal Schönborn im Februar und stimmt mit einem Wort des Papstes auf die zweite Diözesanversammlung ein.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!
Liebe Schwestern und Brüder!

unsere große Missionsinitiative "Apostelgeschichte 2010" geht weiter. Wir sind jetzt wirklich im Jahr 2010. Von 11. bis 13. März findet - wieder im Stephansdom - die 2. Diözesanversammlung statt. Sie wird den Faden der 1. Diözesanversammlung (22. bis 24. Oktober 2009) aufnehmen. Bei der 1. Diözesanversammlung haben wir gemeinsam darüber nachgedacht: "Wen/was verkünden wir?" Sehr ehrlich ist es dabei auch um die Frage gegangen: "Was hindert uns dabei?"

Diesmal geht es um die Frage "Wie/wem verkünden wir?", aber auch: "Was fördert uns?" Damit werden die Fragen, die im Oktober des Vorjahrs formuliert worden sind, nicht beiseitegelegt oder "verdrängt". Aber wir müssen uns gemeinsam auf die große Missionswoche ab dem Pfingstmontag, 24. Mai, vorbereiten. Ich bitte alle herzlich um kreatives Mitwirken und um das Gebet, damit wir viele Menschen ansprechen können.

"Wie/wem verkünden wir?": Das ist eine schwierige Frage. Das "Wie" ist fast leichter zu beantworten (aber es hängt eng mit dem "Wem" zusammen). Auf keinen Fall wollen wir irgendjemanden bedrängen, überwältigen, zwingen. Wir respektieren aus innerster Überzeugung die Gewissensfreiheit all derer, an die wir uns wenden. Das Angebot der "guten Nachricht" des Evangeliums kann immer nur ein freundliches, freundschaftliches sein. Mich haben die Worte unseres Papstes bei seiner Weihnachtsansprache an die römische Kurie sehr bewegt: Er hat in seinem Jahres-Rückblick auch auf seinen Besuch in der Tschechischen Republik Bezug genommen, deren Bevölkerung stark säkularisiert  ist. Was Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang gesagt hat, kann auch für uns in der Erzdiözese Wien eine Richtschnur sein; ich sehe darin so etwas wie ein Leitwort für unseren ganzen Vorgang "Apostelgeschichte 2010". Darum lade ich ein, die Worte des Papstes in dieser Perspektive zu meditieren:

"Es ist mir wichtig, dass auch die Menschen, die sich als Agnostiker oder als Atheisten ansehen, uns als Gläubige angehen. Wenn wir von neuer Evangelisierung sprechen, erschrecken diese Menschen vielleicht. Sie wollen sich nicht als Objekt von Mission sehen und ihre Freiheit des Denkens und des Wollens nicht preisgeben. Aber die Frage nach Gott bleibt doch auch für sie gegenwärtig, auch wenn sie an die konkrete Weise seiner Zuwendung zu uns nicht glauben können. In Paris habe ich vom Gottsuchen als grundlegendem Antrieb gesprochen, aus dem das abendländische Mönchtum und mit ihm die abendländische Kultur geboren wurde. Als ersten Schritt von Evangelisierung müssen wir versuchen, diese Suche wachzuhalten; uns darum mühen, dass der Mensch die Gottesfrage als wesentliche Frage seiner Existenz nicht beiseite schiebt. Dass er die Frage und die Sehnsucht annimmt, die darin sich verbirgt. Hier fällt mir das Wort ein, das Jesus aus dem Propheten Jesaja zitiert hat: dass der Tempel von Jerusalem ein Gebetshaus für alle Völker sein solle (Jes 56,7; Mk 11,17). Er dachte dabei an den sogenannten Vorhof der Heiden, den er von äußeren Geschäftigkeiten räumte, damit der Freiraum da sei für die Völker, die hier zu dem einen Gott beten wollen, auch wenn sie dem Geheimnis nicht zugehören konnten, dem das Innere des Tempels diente. Gebetsraum für alle Völker - dabei war an Menschen gedacht, die Gott sozusagen nur von ferne kennen; die mit ihren Göttern, Riten und Mythen unzufrieden sind; die das Reine und Große ersehnen, auch wenn Gott für sie der ‚unbekannte Gott‘ bleibt (Apg 17,23). Sie sollten zum unbekannten Gott beten können und damit doch mit dem wirklichen Gott in Verbindung sein, wenn auch in vielerlei Dunkelheit. Ich denke, so eine Art ‚Vorhof der Heiden‘ müsse die Kirche auch heute auftun, wo Menschen irgendwie sich an Gott anhängen können, ohne ihn zu kennen und ehe sie den Zugang zum Geheimnis gefunden haben, dem das innere Leben der Kirche dient. Zum Dialog der Religionen muss heute vor allem auch das Gespräch mit denen hinzutreten, denen die Religionen fremd sind, denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben, ihn wenigstens als Unbekannten dennoch anrühren möchten."

Der "Vorhof der Heiden"! Sind wir imstande, einen solchen "Vorhof" offen zu halten und zu gestalten? Das ist eine große Anfrage an uns alle in unserer Erzdiözese. Kardinal Franz König hat immer wieder an die drei Fragen erinnert, die im Grunde jeden Menschen bewegen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu ist mein Leben? Diese Fragen prägen uns alle. Wenn wir uns ehrlich diesen Fragen stellen, reichen wir damit den Menschen im "Vorhof des Tempels" die Hand. Es ist der "erste Schritt der Evangelisierung".

Ich lade Sie dazu ein, das zu versuchen und grüße Sie herzlich
Ihr
Kardinal Christoph Schönborn

(red)

10.02.2010


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