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Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Schwestern und Brüder!
Mein inniger Wunsch ist es, dass Sie alle, die Sie in der Kirche
mitarbeiten, zu Ostern das "Licht Christi" erfahren haben, das Licht der
Hoffnung, das Licht der Auferstehung. Es waren schwere Tage in der Zeit vor
Ostern – und wir wissen nicht, ob sie vorbei sind. In meinen Gedanken und im
Gebet war ich oft bei Ihnen und bin es weiterhin.
Wir alle werden jetzt mit schwerem Versagen von einigen belastet. "Die
Kirche" wird oft pauschal verurteilt – und wir mit ihr. Manche haben an
diesem "Wir" im Schuldbekenntnis beim Klage-und Bußgottesdienst am Mittwoch
der Karwoche im Stephansdom Anstoß genommen. Und doch ist dieses "Wir"
berechtigt – nicht nur, weil es dem liturgischen Sprachgebrauch entspricht.
Keinesfalls soll damit die Verantwortung der Täter kollektiv aufgelöst
werden – es gibt keine Kollektivschuld, nur individuelle Verantwortung. Aber
als getaufte und gefirmte Christen sind wir Teil einer Gemeinschaft, aus der
wir uns nicht verabschieden können. Paulus arbeitet im ersten Korintherbrief
(1 Kor 12, 12ff) die Gemeinschaft der Christen als "mystischer Leib Christi"
heraus: "Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle
Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden,
so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe
alle in einen einzigen Leib aufgenommen". Das hat auch Konsequenzen: "Wenn
darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird,
freuen sich alle anderen mit ihm".
Das bedeutet nicht, die Verantwortung der "Oberen" kleinzureden. Aber es
ist ein Hinweis darauf, dass wir alle mittragen müssen – die Kritiker der
Kirche machen auch keinen Unterschied, für sie geht es immer um "die
Kirche". Sie machen keine hierarchischen Unterschiede und unterscheiden
nicht zwischen Strömungen. Indirekt bestätigen sie damit, dass die Kirche
tatsächlich ‘eine’ ist", wie wir es im Glaubensbekenntnis proklamieren.
Ich habe in diesen Tagen oft ein Gefühl der Ungerechtigkeit gehabt: Warum
wird vor allem die Kirche an den Pranger gestellt? Gibt es nicht auch
anderswo Missbrauch? Warum wird dort nicht auch nachgefragt? Und dann bin
ist man leicht versucht, den "Medien" die Schuld zu geben. Aber dann spüre
ich in meinem Herzen, nein, das ist es nicht. Selbst wenn es so wäre, der
Spiegel, der uns vorgehalten wird, zeigt uns etwas, das Missbrauch in der
Kirche besonders schwer macht: Er schändet den Heiligen Namen Gottes. Er
verstellt oft für ein ganzes Leben den Zugang zu Gott, der mit uns ist und
uns befreit. Missbrauch im Sexuellen oder durch Gewalt oder durch beides
kann, wenn er durch Priester oder Ordensleuten geschieht, zur
"Gottesvergiftung" werden. Die Personen, die den Namen Gottes nahe bringen
sollen, werden zu Zerstörern der Gottesbeziehung. Das ist es, was den
Missbrauch in der Kirche noch einmal schlimmer macht, so schlimm, dass es
uns erzittern lässt.
Es ist eine schmerzliche Erfahrung für die Kirche – und für alle, die ihr
angehören, die in der Kirche mitarbeiten und Mitverantwortung tragen. Aber
was ist dieser Schmerz im Vergleich zum Schmerz der Opfer, der übersehen und
überhört wurde. Deshalb habe ich beim Klage- und Bußgottesdienst im
Stephansdom gesagt: "Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott zu
uns, zu seiner Kirche, um sie aufzurütteln, zu reinigen". Die österliche
Hoffnung ist, dass diese schmerzliche Reinigung das Antlitz der Kirche
heller erstrahlen lässt.
Ich bitte Sie herzlich, an diesem Reinigungsprozess und an dieser
Hoffnung teilzunehmen. Denn wir haben allen Grund zu hoffen, weil Christus
auferstanden ist.
Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen
Ihr Kardinal Christoph Schönborn
(red)
08.04.2010
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