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"Wenn die Opfer sprechen, spricht Gott zu uns"
© Kathbild.at/RupprechtIn den Impulsen im April schreibt Kardinal Schönborn über den schmerzlichen Reinigungsprozess, in dem sich die Kirche jetzt befindet, und die österliche Hoffnung, dass ihr Antlitz danach heller erstrahlen wird.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Schwestern und Brüder!

Mein inniger Wunsch ist es, dass Sie alle, die Sie in der Kirche mitarbeiten, zu Ostern das "Licht Christi" erfahren haben, das Licht der Hoffnung, das Licht der Auferstehung. Es waren schwere Tage in der Zeit vor Ostern – und wir wissen nicht, ob sie vorbei sind. In meinen Gedanken und im Gebet war ich oft bei Ihnen und bin es weiterhin.

Wir alle werden jetzt mit schwerem Versagen von einigen belastet. "Die Kirche" wird oft pauschal verurteilt – und wir mit ihr. Manche haben an diesem "Wir" im Schuldbekenntnis beim Klage-und Bußgottesdienst am Mittwoch der Karwoche im Stephansdom Anstoß genommen. Und doch ist dieses "Wir" berechtigt – nicht nur, weil es dem liturgischen Sprachgebrauch entspricht. Keinesfalls soll damit die Verantwortung der Täter kollektiv aufgelöst werden – es gibt keine Kollektivschuld, nur individuelle Verantwortung. Aber als getaufte und gefirmte Christen sind wir Teil einer Gemeinschaft, aus der wir uns nicht verabschieden können. Paulus arbeitet im ersten Korintherbrief (1 Kor 12, 12ff) die Gemeinschaft der Christen als "mystischer Leib Christi" heraus: "Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden, so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen". Das hat auch Konsequenzen: "Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm".

Das bedeutet nicht, die Verantwortung der "Oberen" kleinzureden. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass wir alle mittragen müssen – die Kritiker der Kirche machen auch keinen Unterschied, für sie geht es immer um "die Kirche". Sie machen keine hierarchischen Unterschiede und unterscheiden nicht zwischen Strömungen. Indirekt bestätigen sie damit, dass die Kirche tatsächlich ‘eine’ ist", wie wir es im Glaubensbekenntnis proklamieren.

Ich habe in diesen Tagen oft ein Gefühl der Ungerechtigkeit gehabt: Warum wird vor allem die Kirche an den Pranger gestellt? Gibt es nicht auch anderswo Missbrauch? Warum wird dort nicht auch nachgefragt? Und dann bin ist man leicht versucht, den "Medien" die Schuld zu geben. Aber dann spüre ich in meinem Herzen, nein, das ist es nicht. Selbst wenn es so wäre, der Spiegel, der uns vorgehalten wird, zeigt uns etwas, das Missbrauch in der Kirche besonders schwer macht: Er schändet den Heiligen Namen Gottes. Er verstellt oft für ein ganzes Leben den Zugang zu Gott, der mit uns ist und uns befreit. Missbrauch im Sexuellen oder durch Gewalt oder durch beides kann, wenn er durch Priester oder Ordensleuten geschieht, zur "Gottesvergiftung" werden. Die Personen, die den Namen Gottes nahe bringen sollen, werden zu Zerstörern der Gottesbeziehung. Das ist es, was den Missbrauch in der Kirche noch einmal schlimmer macht, so schlimm, dass es uns erzittern lässt.

Es ist eine schmerzliche Erfahrung für die Kirche – und für alle, die ihr angehören, die in der Kirche mitarbeiten und Mitverantwortung tragen. Aber was ist dieser Schmerz im Vergleich zum Schmerz der Opfer, der übersehen und überhört wurde. Deshalb habe ich beim Klage- und Bußgottesdienst im Stephansdom gesagt: "Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott zu uns, zu seiner Kirche, um sie aufzurütteln, zu reinigen". Die österliche Hoffnung ist, dass diese schmerzliche Reinigung das Antlitz der Kirche heller erstrahlen lässt.

Ich bitte Sie herzlich, an diesem Reinigungsprozess und an dieser Hoffnung teilzunehmen. Denn wir haben allen Grund zu hoffen, weil Christus auferstanden ist.

Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen

Ihr Kardinal Christoph Schönborn

(red)

08.04.2010


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