Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Schwestern und Brüder!
Am Beginn der Ferienzeit möchte ich mich mit einem Wort des Dankes, der
Sorge und der Verbundenheit bei Ihnen melden. Das abgelaufene Arbeitsjahr
war schwer, vor allem in der zweiten Hälfte. Was weltkirchlich ein Jahr der
Besinnung auf den priesterlichen Dienst, seine Größe und Schönheit, und
diözesan ein Jahr des missionarischen Aufbruchs ("Apostelgeschichte 2010")
werden sollte, wurde zu einem Jahr der Beschämung durch die
Missbrauchsfälle.
Die Pauschalverdächtigungen gegen die Kirche schmerzen. Ich möchte aber
auch Ihnen sagen, was ich den Priestern unserer Erzdiözese am Fest der
Apostel Petrus und Paulus geschrieben habe: "Mehr aber soll es uns
schmerzen, dass Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen von Priestern, die
Christus darstellen sollen, Schlimmes und oft lebenslang Belastendes
zugefügt worden ist. Versuchen wir immer neu, mit Jesu Augen das Leid der
Opfer zu sehen. Dann wird er ihnen Heilung und uns Läuterung und einen guten
Neubeginn schenken. Diese Hoffnung trage ich im Herzen".
Ein Wort des Dankes gilt den vielen haupt- und ehrenamtlichen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Erzdiözese, die in den schwierigen
Monaten die Last der Beschämung mutig mitgetragen haben. Ich bin überzeugt,
dass gerade auch in den schwierigen Momenten die Gemeinschaft, das
Miteinander gewachsen ist. Es war eine schmerzliche Prüfung, aus der wir
aber mit dem festen Willen hervorgehen, die Wahrheit aufzudecken, den Opfern
zu helfen und alles zu tun, damit es nicht mehr zu solchen abscheulichen
Verirrungen kommen kann.
Viele sehnen sich nach Reformen in der Kirche. Reform ist eine ständige
Aufgabe für die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden. Aber um welche
Reform geht es? Was ist der Wille und die Wegweisung des Herrn? Das Zweite
Vatikanische Konzil hat die Kirche in einem wunderbaren Bild als das "Volk
Gottes" gezeichnet, das durch die Zeiten pilgert. Entsprechen wir diesem
Bild? Sind wir ein Volk, das trotz aller Auffassungsunterschiede gemeinsam
unterwegs ist? Gerade auch dann, wenn es auf dem Pilgerweg steinige und
beschwerliche Abschnitte gibt? Wir werden im neuen Arbeitsjahr - vor allem
beim Gemeindetag am 18. September und bei der dritten Diözesanversammlung
von 14. bis 16. Oktober - Gelegenheit haben, gemeinsam über diese Fragen
nachzudenken.
Es ist menschlich verständlich, wenn wir uns eine eindrucksvolle und
hochgeachtete Kirche wünschen, die ihren Dienst an den Menschen und am
Gemeinwohl in allgemeiner Hochschätzung leisten darf. Aber zugleich müssen
wir uns darauf besinnen, wie Jesus seinen Weg gegangen ist, Er, der sich
selbst entäußert und "Knechtsgestalt" angenommen hat. In großen christlichen
Gestalten der jüngeren Geschichte wie der selig gesprochenen Mutter Teresa
von Kalkutta oder des heilig gesprochenen Lepra-Apostels Damian de Veuster
wird dieser Weg Jesu sichtbar: Sie sind buchstäblich "hinunter gestiegen",
zu den Kleinen, den Armen, den Verachteten, den Ausgegrenzten.
Im "Leitbild für die Erzdiözese Wien" wird daran erinnert, dass wir
"einander von Gott anvertraut sind". Das sagt etwas darüber aus, wie wir in
der Kirche miteinander umgehen müssen, aber auch darüber, wie wir den
Menschen begegnen sollen, auf die wir zugehen wollen.
Ich wünsche Ihnen von Herzen erholsame Sommertage und neue
Glaubenserfahrungen, damit wir unseren gemeinsamen Pilgerweg im kommenden
Arbeitsjahr neu gestärkt weitergehen können …
Ihr
Kardinal Christoph Schönborn
(red)