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Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren Apostelgeschichte 2, 1f
Wir sehen heute, dass die Konstantinische Zeit der Kirche zu Ende ist, die weit über 1000 Jahre gedauert hat. Diese Ära war geprägt von der Idee der Staatsreligion, in die man hineingeboren wird und sein Leben lang bleibt. Kirche war eine obrigkeitliche Institution: Es gab Vater Staat und Mutter Kirche, und das Volk beiden unterworfen. Diese Konstruktion ist nicht erst heute zerbrochen, hat aber bis heute stark nachgewirkt. Heute leben wir in einer Kultur der Freiheit. Und das ist sehr gut: In der Freiheit sind wir Gott am ähnlichsten. Schon das Konzil hat sich dazu bekannt und den Anstoß gegeben, die Kirche in einer freien Gesellschaft neu zu verorten. Die Freiheit ist die beste Ausgangsbasis für eine überzeugte, glaubende, starke Kirche der Zukunft - die aber anders aussehen wird als die Kirche bisher.
Entscheidende MissionDie entscheidende Mission der Kirche liegt heute darin, den einzelnen Menschen in Freiheit für den Glauben und damit für Christus zu gewinnen. Das geht nur, wenn wir die Schönheit des Glaubens und damit den Wert von Kirche möglichst allen Menschen erfahrbar machen. Die freie Gesellschaft mit ihrer Fülle an Möglichkeiten bewirkt, dass die Menschen heute anders leben, flexibler sind, mobiler, volatiler. Früher war man, um am sozialen Leben teilzunehmen, oft darauf angewiesen, sich kirchlich zu sozialisieren. Heute ist diese Funktion der Kirche namentlich in der Stadt kaum noch vorhanden. So leben etwa im Dekanat Favoriten heute 177.000 Menschen, von denen nur noch ein Drittel katholisch ist, und von denen an einem normalen Sonntag nur 2000 die Messe mitfeiern – kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung und drei Prozent der Katholiken. Wir müssen uns dieser Gesellschaftsveränderung in viel weitergehendem Ausmaß stellen, als wir dies bisher getan haben.
Veränderte KirchengestaltWas bedeutet das konkret für die Kirchengestalt? Die Kirche der Zukunft in Wien wird weiterhin ein flächenendeckendes Pfarrnetz haben. Aber die Pfarren werden teilweise größer sein – aber in jedem Fall offener, und sie werden mit schlankeren Strukturen der Realität einer flexiblen Gesellschaft besser gerecht werden. Das persönliche Glaubenszeugnis jedes Katholiken wird essenziell sein in unserem Dienst für die Menschen. Wir haben daher in der ED Wien eine Erneuerung der Kirche begonnen, die die Gestalt der Kirche verändern wird. In den vergangenen drei Jahren haben wir in drei großen Diözesanversammlungen unter dem Stichwort "Apostelgeschichte 2010" offen darüber geredet, was unser Auftrag als Kirche in der heutigen Zeit ist. Jetzt sind wir dabei, zu klären, was das für unsere Strukturen, unseren Ressourceneinsatz und unsere Mission bedeutet. Das soll ab Herbst dieses Jahres ganz konkrete Auswirkungen haben.
Pilotprojekt FavoritenEin Zeichen dafür, dass es jetzt ernst wird, ist das Stadtdekanat Favoriten mit 60.000 Katholiken, das am vergangenen Freitag den Auftrag bekommen hat, sich neu aufzustellen, um den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen gerecht zu werden. Das soll nicht die Schablone für die gesamte Diözesanreform sein, die auch in anderen Bahnen ablaufen kann. Aber es ist ein entscheidendes Pilotprojekt, aus dem wir für die Diözesanreform lernen wollen. Dass das Dekanat Favoriten den Anfang macht, kommt daher, dass die Verantwortlichen vor Ort schon vor sieben Jahren einen Reformprozess gestartet haben, weil sie selber gesehen haben, wie rasant sich die Realität gerade auch in diesem Stadtteil verändert. Und es handelt sich dabei um ein Dekanat, in dem es in jeder der 15 Pfarren einen eigenen Pfarrer gibt und darüber hinaus sieben Kapläne – wo sich also der Priestermangel in Grenzen hält. Aber die Herausforderungen sind dennoch zu groß für business as usual.
Verzicht und ZuversichtAuch für mich als den verantwortlichen Bischof ist das keine Kleinigkeit. Für mich bedeutet es einen Abschied von der Gestalt von Volkskirche, die ich in meiner Kindheit kennengelernt habe und die mir als Heimat ans Herz gewachsen ist. Es ist für viele ein Schritt ins Ungewisse, der auch Verzicht auf Gewohntes und Opfer bedeutet. Aber die Realität lässt uns gar keine andere Wahl. Und wir können mit Zuversicht in diesen Prozess gehen, weil wir darauf vertrauen, dass Gott selbst seine Kirche führt und wir daher mit Freude neugierig sein dürfen auf den Weg, den er mit uns gehen will. Ich freue mich darauf, dass am Ende eine umgebaute, nicht abgebaute Kirche steht. Eine Kirche, die dem Leben der Menschen des 21. Jahrhunderts entspricht mit lebendigen, flexiblen und offenen Gemeinden und mit einer neuen Strahlkraft des Glaubens.
(red)
16.01.2012
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