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Man hat den Satz so oft in Büchern gelesen, dass er heute als geflügeltes
Wort selbst durch christliche Gemeinden geistert: Das Christentum sei
"leibfeindlich" und "leibvergessen". Und in der Tat hatte die
katholische Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts den Leib ein wenig aus dem
Blick verloren. Öffnet man hingegen die Quellen der christlichen
Spiritualitätsgeschichte seit der Väterzeit, so ergibt sich ein anderes
Bild: eine leibhaftige Spiritualität, die es an spiritueller Tiefe mit
asiatischen Lehren (Ayurveda, Qi Gong etc.) aufnehmen kann. In diesem
Beitrag kann die traditionelle christliche Lehre nicht in ihrem Reichtum
entfaltet werden. Hier seien nur drei Grundaspekte vorgestellt – zusammen
mit ein paar Tipps, die Sie in der vorweihnachtlichen Zeit selbst
ausprobieren können.
Spiritualität und NahrungsaufnahmeÄhnlich zu den asiatischen Konzepten kennt auch die christliche
Gesundheitslehre Energiezentren: den Bauch mit der Basal-Energie, das Herz
mit der Vital-Energie und das Haupt mit der Geistenergie. Wenn wir nun
zunächst auf das erste Leibzentrum blicken, auf den Bauch und die
Basal-Energie, dann wird klar, warum die Eremiten der ägyptischen Wüste, die
Ordensgründer Benedikt, Franziskus und Ignatius sowie weitere Autoren
Weisungen zur spirituellen Bedeutung der Nahrungsaufnahme verfasst haben:
Jedes Nahrungsmittel ist eine Gottesgabe und dem Menschen mit der Auflage
des verantwortungsvollen Umgangs anvertraut worden. Aus diesem Grund ist ein
traditionelles christliches Mahl ohne Festkleidung, gedeckter Tafel und
Tischgebet nicht denkbar. Gemäß der katholischen Tradition übernehmen
Heilige zudem die Schirmherrschaft über Nahrungsmittel: Jakobus für den
Frühapfel, Martin für die Gans und der Evangelist Johannes für den Rotwein.
Vielleicht haben ja auch Sie Lust, nach dem Heiligenkalender zu essen und so
den Tisch des Sakramentes mit dem Tisch des häuslichen Mahls zu
synchronisieren? Des Weiteren hielten die Kirchenväter die Ernährung vor dem
Sündenfall für vegetarisch. Es ist zwar keine Sünde, Tiere zu essen, aber
eben auch kein Idealzustand. Fleisch sollte also eine seltene Speise
bleiben. Außerhalb der Fastenzeit wird man, nach der Weisung Benedikts, die
Nahrung durch Geflügel, Fische und Milchprodukte anreichern; das Fleisch
vierfüßiger Tiere ist hingegen ganz besonderen Anlässen vorbehalten. Wer
spirituell leben will, muss in der Fastenzeit und Freitags seinen
Fleischkonsum aussetzen – vielleicht eine gute Anregung für den Advent.
Beichte und BadehausWenden wir uns dem zweitem
Leibzentrum, dem Herz und der Vitalenergie zu, die mit Atmung, Pulsschlag,
Kreislauf, Haut und der Lebensumwelt des Menschen in Beziehung stehen. Auch
hier ergeben sich konkrete Spiritualitätsfelder: In Zeiten großer
beruflicher Belastungen ist vielen Christen klar, dass die Ausbalancierung
von Aktivität und Ruhe, actio und contemplatio, eine
Zielvorgabe darstellt. Völlig vergessen ist hingegen, dass der Gang in die
Sauna eine spirituelle Dimension haben kann. Der Franziskaner Thomas Murner
hatte kurz nach 1500 ein Büchlein verfasst, in dem er die Einzelstationen
des Badehaus mit spirituellen Prozessen parallel setzt: dem leiblichen
Auskleiden entspricht das Sündenbekenntnis in der Beichte, dem Einseifen im
Bad die reinigende Reue, die Fußwaschung symbolisiert die Demut, die
Ölmassage im Badehaus erinnert den christlichen Badegast an seine "Salbung"
zum allgemeinen Priestertum. Auf den ersten Blick mag es seltsam anmuten,
wenn ein Theologe zum Saunieren aufruft, aber im Mittelalter war es für
Laien selbstverständlich, sich auf das Weihnachtsfest durch Beichte und
Badehaus vorzubereiten.
Auferstehung statt "Wellness"Kommen wir schließlich zum
dritten und letzten Leib-Zentrum, dem Haupt mit seiner Geist-Energie: Diese
Zentrum steht für den menschlichen Geist in seiner Offenheit auf Gott – für
die Vollzüge von Gebet, Meditation und Kontemplation. Und so wird
abschließend klar, was leibhaftige christliche Spiritualität meint:
Heiligung des gesamten Lebens, inklusive des Leibes. Ganzheitliche und
leibhaftige Spiritualität ist dabei stets auf die Menschwerdung Gottes in
Jesus Christus sowie auf Christi Tod und Auferstehung bezogen. Insofern
greift ein oberflächliches Wellnesskonzept mit
"Optimierungsideologie" immer schon zu kurz. Es geht letztlich um Heiligung
und Auferstehung – und nicht nur um Wellness.
Weitere
Informationen: www.arcanime.at
(red)
10.12.2009
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