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09.07.2014

"Ich habe großes Gottvertrauen"

Seit mehr als 20 Jahren hilft Annemarie Kury Menschen in Bosnien.

"Warum ich keine Angst habe, kann ich nicht erklären. Vielleicht ist es ein Geschenk, vielleicht ein Geburtsfehler." Annemarie Kury ist 82 Jahre alt. 178 Mal ist sie bisher mit ihrem Auto auf den Balkan gefahren, zuletzt dieses Jahr zu Ostern, zum ersten Mal 1991, mitten im Krieg. In ihrer alten Schwesterntracht, mit einem selbstausgestellten Empfehlungsschreiben und 600 kg Lebensmittel machte sie sich damals auf nach Zagreb. 1,4 Millionen Euro an Geld-, sowie Sachspenden im gleichen Wert konnte Annemarie Kury seither sammeln und direkt an Bedürftige in Kroatien, seit 1994 in Bosnien übergeben. Der Spenderkreis ist ohne Werbung gewachsen.

 

Ziel ist immer die Selbsthilfe

Im bosnischen Kanton Tuzla vermittelt Annemarie Kury Patenschaften. "Erstes Ziel ist immer die Selbsthilfe", sagt sie, "aber das ist manchmal nicht  möglich, vor allem bei alten und kranken Menschen und solchen mit multiplen Behinderungen." Derzeit laufen 37 Patenschaften. Eine davon für Ajka.


Ajka stammt aus Srebrenica. Ihr Vater, Großvater und Onkel wurden im Krieg umgebracht, sie landete im Kinderheim. Mit 16 Jahren war sie zu alt für das Heim. Ein viel älterer Mann, ein Kriegsinvalide, holte sie zu sich und heiratete sie. Mit ihren vier Kindern hausten sie in einem Zelt. Ajka suchte in Mistkübeln nach Essen und ging betteln. Im vorigen Jahr war sie so verzweifelt, dass sie sich mit Benzin übergoss und anzündete. Eine Nachbarin, die gerade Wäsche aufhängte, rettete ihr das Leben. Was blieb waren Ajkas Traurigkeit, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnungslosigkeit.

 

Eine Therapie für Ajka

Annemarie Kury bemühte sich, für sie eine Therapie zu organisieren. Doch sie erhielt den Befund, Ajka sei nicht therapierbar, aufgrund mangelnder Intelligenz. Diese Ansicht teilte Annemarie Kury keineswegs. Sie versuchte nun herauszufinden, was Ajka - abgesehen von ihren Kindern - Freude macht: Tiere, Pflanzen, die Arbeit mit der Erde. Ajka bekam über die Patenschaft Hühner und ein Hochbeet. Federvieh und Gemüse pflegt sie mit Eifer und liebevoller Hingabe. Sie freut sich überschwänglich, wenn eine Henne brütet, über den sprießenden Salat und über jedes einzelne Radieschen. "Sie ist ein ganz anderer Mensch, seit sie dieses Wachsen und Blühen sieht", berichtet Annemarie Kury. Noch mehr Grund zu lachen hat Ajka bekommen: Die zahnlose Frau erhielt Prothesen. "Sie hat sich nicht getraut, den Mund aufzumachen", erinnert sich Annemarie Kury, "jetzt lacht sie und ist so glücklich! Relativ kleine Dinge haben sie stark verändert und ein Stückerl aus ihrer Depression herausgezogen."


Mindestens zweimal im Jahr reist Annemarie Kury zu den Patenfamilien in Bosnien, überbringt Geld oder nach Bedarf zusammengestellte Pakete - mit Windeln, Kleidung, Essen, Bettwäsche - und überlegt mit den Betroffenen gemeinsam die nächsten Schritte. "Den Spenderinnen und Spendern ist es lieb und recht, dass die Hilfe so direkt funktioniert, und nichts für Transport oder Verwaltung verloren geht", erklärt die Pensionistin. Sie sieht die Hilfe als Ausgleich zwischen dem Zuviel hier und dem Zuwenig dort.

 

Schritte der Hoffnung

Neben den Patenschaften sammelt Annemarie Kury auch Geld für das Therapiezentrum "Koraci nade" - "Schritte der Hoffnung". Hier werden Kinder mit Behinderungen betreut und gefördert. "Es ist ein ausgezeichnetes Team mit sehr viel Idealismus", so Annemarie Kury. "Es war nicht leicht, das Geld für den Bau aufzutreiben, den Betrieb aufrecht zu erhalten, ist aber noch schwieriger." Die Therapeuten wurden mit einem Monatsgehalt von 500 € eingestellt, bald mußte es gekürzt werden auf 380 Euro, dann auf 150 Euro. Manchmal konnte gar nichts gezahlt werden. Der Staat sei bei der Förderung behinderter Menschen sehr säumig, sagt Annemarie Kury, Politiker versprächen viel, würden aber schnell ausgetauscht. Für die Familien, die zum Teil zwei Kinder mit Behinderungen haben, eine fast  untragbare Lage.


Im Mai brach auch im Kanton Tuzla die Katastrophe herein: das Hochwasser. Es flutete beispielsweise das Haus eines alten Ehepaares. Vier Tage waren die gebrechliche Frau und ihr Mann ohne Trinkwasser und Essen im Rohbau-Obergeschoss ihres Hauses. Ob das Gebäude zu retten ist, wird sich erst zeigen.


"Meine eigenen Erfahrungen helfen mir, die Menschen in Bosnien besser zu verstehen", meinte Annemarie Kury. Als Jugendliche mußte sie mit ihrer Familie die Heimat in Böhmen verlassen, als junge Mutter von fünf Kindern verunglückte ihr Mann, vor wenigen Jahren starb eines ihrer Kinder. "Es gibt auch dunkle Stunden", sagt sie, "aber ich habe den Willen, einen positiven Weg zu gehen. Und ich habe ein ganz großes Gottvertrauen. Ich weiß wenig von der großen Theologie, umso tiefer ist mein Gottvertrauen."