Der Vorsitzende des Ökumenischen Rats der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Superintendent Lothar Pöll, hat am Dienstag, 20. Jänner 2015, Sorge über die Zunahme religiös motivierter Gewalt geäußert. Pöll sprach beim ökumenischen Gottesdienst von Wien-Donaustadt aus Anlass der diesjährigen Weltgebetswoche für die Einheit der Christen in der evangelischen Bekenntniskirche.
Fanal zu Jahresbeginn sei der Doppelanschlag von Paris auf Journalisten und auf Juden, die für den Sabbat einkaufen wollten. Mit diesen Taten werde "der heilige Name Gottes missbraucht". Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich habe diesen Missbrauch verurteilt und zum "wertschätzenden Umgang mit Juden und Muslimen" aufgerufen, erinnerte der ÖRKÖ-Vorsitzende, der auch ein Gebet für die Opfer sprach.
Das Evangelium zeige ganz klar einen anderen Weg, unterstrich Pöll. Der Jude Jesus komme gewaltlos und bescheiden zu Menschen, die einen anderen Glauben haben, er behandle sie mit Würde und Wertschätzung und lasse sich auf ein Glaubensgespräch ein, wie der Bericht über das Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen - das Motto der diesjährigen Weltgebetswoche - zeige.
Dieser Bericht verpflichte auch die Christen zu einer respektvollen und wertschätzenden Begegnung mit Andersgläubigen: "Wir müssen auf Menschen offen zugehen, die 'anders' glauben, wir müssen Vorurteile und Ängste überwinden". In Österreich werde dies gelebt, so der Vorsitzende des Ökumeneforums der 16 wichtigsten Kirchen Österreichs.
Es gehe darum, die Sorgen der jüdischen Gemeinde über den Antisemitismus ernst zu nehmen, Übergriffe auf Moscheen abzuwehren und immer das Verbindende vor das Trennende zu stellen, so der ÖRKÖ-Vorsitzende. Feindbilder würden immer die Gesellschaft spalten. Aufgabe der Christen sei es, an der Seite derer zu stehen, die ausgegrenzt werden. Pöll: "Trinken wir vom lebendigen Wasser, das Jesus anbietet. Bauen wir Brücken und heben wir keine Gräben aus."
Der katholische Pfarrer Georg Pauser (St. Georg Kagran) hatte eingangs das gute ökumenische Verhältnis in Wien-Donaustadt betont. Trotz aller Verschiedenheiten gebe es Verbundenheit im Wesentlichen, katholische, evangelische, koptische Christen würden bei verschiedenen Anlässen "mit einer Stimme" sprechen. Die von Sr. Lili Fuchs gestalteten ökumenischen Gottesdienste auf Bezirksebene seien dafür ein deutliches Beispiel.
Der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic) sage in seiner Predigt, die Ökumene sei mitunter schwierig. Gerade heute dürfe man aber mit der Ökumene nicht aufhören, denn die Trennung der Kirchen sei ein Grund, dass viele Menschen nicht zum Glauben kommen.
"Wir müssen zusammenleben und zusammenarbeiten", betonte der serbisch-orthodoxe Bischof. Der Dialog sei gleichsam ein "Symbol der gegenwärtigen Epoche". Manche bezeichneten den Wunsch nach Einheit der Christen als Utopie, aber "heute können wir sagen, wir sind bereit", so Bischof Andrej. Die Christen müssten den ökumenischen Weg "gemeinsam weitergehen" und "mit Dankbarkeit auf die vielen Früchte der Ökumene schauen".