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22.01.2015

Armenier-Genozid: Gedenken der Kirchen am 24. April

Kardinal Schönborn beim Ökumenischen Empfang: Gespräch mit dem Islam ist gemeinsame Sorge der christlichen Kirchen.

Die christlichen Kirchen in Österreich werden am 24. April im Wiener Stephansdom gemeinsam der Opfer des Völkermords an den Armeniern vor 100 Jahren gedenken. Das gab Kardinal Christoph Schönborn beim ökumenischen Empfang am Mittwochabend, 22. Jänner 2015, bekannt. Im Zentrum der ökumenischen Begegnung stand neben dem Armenier-Gedenken ein Impuls des kürzlich bestellten serbisch-orthodoxen Bischofs Andrej (Cilerdzic), der für ein neues Leitbild der Ökumene getragen von der "wechselseitigen Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Kirchen" und einem gesellschaftlichen Friedensauftrag plädierte.

 

Verbrechen anerkennen

Das Gedenken an den Armenier-Genozid müsse getragen sein vom Bemühen um "Wahrheit und Gerechtigkeit", führte Erich Leitenberger von der Stiftung "Pro Oriente" weiter aus. Es gelte die Verbrechen anzuerkennen und zu verurteilen, bei denen rund 1,5 Millionen armenische und weitere ca. 500.000 syrische Christen getötet wurden, "weil sie Christen waren". Nur wer damals zum Islam konvertierte, habe sich retten können, so Leitenberger, der darauf verwies, dass die Täter selbst größtenteils agnostisch waren, sich aber beim Völkermord des "islamischen Arguments bedient haben". Vor diesem Hintergrund werde die armenisch-apostolische Kirche am 23. April in einem "kirchengeschichtlich einmaligen Vorgang" die 1,5 Millionen Opfer des Genozids kumulativ heiligsprechen.

 

Werfel: "Die vierzig Tage des Musa Dagh"

Kardinal Schönborn erinnerte an das Verdienst des "jüdisch-böhmisch-österreichischen Schriftstellers Franz Werfel", durch seinen Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" dem Armenier-Genozid ein literarisches Denkmal geschaffen zu haben. Werfel habe dafür aus Dankbarkeit 1932 vom damaligen armenisch-apostolischen Patriarchen in Jerusalem ein kleines Kreuz erhalten. Dieses armenische Kreuz habe den Literaten immer begleitet, auch bei seiner Flucht vor den Nazis über die Schweiz und das französische Lourdes in die USA. Werfels Frau Alma habe das Kreuz aufbewahrt und aus ihrem Nachlass sei es schließlich an Kardinal Schönborn weitergegeben worden, der es restaurieren ließ und das im umgebauten Museum der Erzdiözese Wien einen Platz haben wird.

 

Leitbild für Ökumene

Bischof Andrej (Cilerdzic) warnte in seinen Ausführungen über die Ökumene davor, diese als eine Instanz zu betrachten, durch die lediglich die jeweilige Eigenständigkeit anerkannt werde. Es brauche vielmehr den "Geist der Freiheit in wechselseitiger Verantwortung", wie er ihn beispielsweise im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) bereits erleben habe können. Echte Ökumene müsse das Vertrauen aufbauen, den Raum für kirchliche Selbstkritik schaffen, das gemeinsame gesellschaftliche Engagement stärken und dabei die spirituelle Identität bewahren, führte der neue Bischof der serbisch-orthodoxen Diözese Österreich-Schweiz aus. Dafür brauche es das "Leitbild der wechselseitigen Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Kirchen".

 

Eine solcherart gelebte Ökumene habe Vorbildwirkung und große Bedeutung für die säkulare Gesellschaft, in der Kirchen und Staat zwar getrennt, aber nicht privatisiert seien. Das Zeugnis der kirchlichen Einheit sollte der "geplagten Welt" zeigen, wie Konflikte und Grenzen friedlich überwunden werden können. Die christlichen Kirchen hätten von daher einen gemeinsamen Friedensauftrag für mehr menschliche Solidarität und eine tragfähige Lebensordnung.

 

Gespräch mit Islam

Als eine "gemeinsame Sorge" bezeichnete Kardinal Schönborn das Verhältnis zum Islam. Die aktuellen Ereignisse machten deutlich, in welch schwieriger Situation sich Muslime, Christen und die ganze Zivilgesellschaft befänden. Der Wiener Erzbischof berichtete in diesem Zusammenhang, dass er in den letzten Tagen zahlreiche Gespräche über das "König-Abdullah-Zentrum" (KAICIID) geführt habe. Dieses Dialogzentrum sei von Anfang an mit einer "großen Hypothek" gestartet. "Ich maße mir kein Urteil an, aber haben wir eine echte Alternative zum Versuch, zum Gespräch?" fragte der Kardinal, der gleichzeitig von der christlichen Hoffnung und Gewissheit sprach, dass die Geschichte insgesamt gut ausgehe, "freilich nicht ohne das Kreuz".

 

Weiters kündigte Kardinal Schönborn den von vielen Kirchen getragenen "Christustag" am 25. Mai in Linz an. Er solle ein einladendes Zeugnis für Jesus Christus sein, der alle Kirchen verbindet.

 

Geburtstagsglückwünsche

Zum Schluss der Veranstaltung gratulierte der Vorsitzende des ÖRKÖ, der methodistisch-evangelische Superintendent Lothar Pöll, dem Gastgeber zum bevorstehenden 70. Geburtstag. Als Zeichen der Verbundenheit mit den bedrängten Christen im Nahen Osten überreichte er Kardinal Schönborn eine syrisch-orthodoxe Ikone.

 

Der auf Kardinal Franz König zurückgehenden Begegnung von Vertretern der christlichen Kirchen im Rahmen der weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen ging eine ökumenische Vesper voraus. Sie fand diesmal in der armenisch-apostolischen Kirche in der Kolonitzgasse statt und wurde von Erzarchimandrit Haigazoun Najarian geleitet, der als Patriarchaldelegat für Mitteleuropa und Skandinavien seinen Sitz in Wien hat.