Die Verantwortung der Politik für ein respektvolles Zusammenleben der muslimischen und der nicht-muslimischen Österreicher hat Bundespräsident Heinz Fischer eingemahnt. Gerade jetzt brauche es eine "Kunst der Politik", die Mitbürger in ihren Ängsten ernst zu nehmen und ihnen Stabilität und Sicherheit zu bieten, ohne dabei die offene Gesellschaft und wichtige Traditionen des interreligiösen Miteinanders preiszugeben, so Fischer kürzlich bei einem Treffen mit dem Vorstand der Plattform "Christen und Muslime" in Wien. Gerade Österreich sei immer wieder ein "wichtiger Schauplatz" interkurtureller und interreligiöser Dialoge gewesen - deren Bedeutung vor dem Hintergrund "jüngster tragischer Entwicklungen sogar nocht wichtiger geworden ist".
Das Staatsoberhaupt dankte der 2006 nach dem so genannten "Karikaturenstreit" gegründeten Plattform nachdrücklich für ihre "wichtigen und sehr vernünftigen Ziele" und ihr zivilgesellschaftliches Wirken zur Stärkung des Religionsfriedens. Initiativen dieser Art, die aus gelebter Kooperation von Christen und Muslimen erwüchsen, seien ein sehr wesentlicher Beitrag zum sozialen Zusammenhalt und einer verstärkten Partizipation.
In dem einstündigen Gespräch ging es u.a. um das geplante neue "Islam-Gesetz", die Zukunft des "König Abdullah-Dialogzentrums", die bevorstehenden "PEGIDA"-Demonstrationen und die derzeit angedachten Verschärfungen im Bereich der inneren Sicherheit.
Fischer erinnerte an seine bereits einige Jahre zurückliegende Rede vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, in der er die Meinungsfreiheit als ein "zentrales und unaufgebbares Grundrecht in der Demokratie" betont, zugleich aber darauf verwiesen habe, dass "keine Freiheit grenzenlos" sei. "Ich meine damit: Mit dem, was Anderen heilig ist, darf man nicht verantwortungslos umgehen!", ergänzte der Bundespräsident.
Konkret berichteten die Vorstandsmitglieder dem Staatsoberhaupt von ihren Aktivitäten zur Überwindung des bestehenden "religiösen Analphabetismus" im Land, zur Sichtbarmachung und Stärkung besonders gelungener Beispiele des Zusammenlebens, aber auch von ihnen bekannt gewordenen Fällen, bei denen Integration durch manche österreichische Behörden und Schulen erschwert wird. Umso wichtiger sei es, die vielen Integrationsbemühungen jetzt nicht mit einer "Antiradikalisierungsdebatte" zu vermischen. Hunderttausende in Österreich lebende Muslime seien nämlich "nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung".
Proponenten der 2006 infolge der Debatte um die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen gegründeten Initiative "Plattform Christen und Muslime" haben 2014 in Wien einen gleichnamigen Verein gegründet. Die Plattform will gegen pauschale Vorurteile und Hetze gegenüber Bevölkerungsgruppen auftreten und den Dialog sowie ein besseres Miteinander von Christen und Muslimen in Österreich unterstützen. Den im Statut vorgesehenen christlich-muslimischen Doppelvorsitz haben die evangelische Theologin Susanne Heine und der Gründer der "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen", Tarafa Baghajati, übernommen.