Der Titel Ihres Buches lautet „Vom kleinen Glück dazwischen.“ Glück und Krankheit passt das zusammen?
Irene Kernthaler-Moser: Ja – insofern als man ja nicht die ganze Zeit mit Trauermiene durch die Gegend gehen kann. Und gerade auch, weil man ja nicht weiß, ob man überlebt, bemüht man sich, keine Zeit zu verschwenden, jeden Tag etwas Schönes zu haben, sozusagen das Glück „dazwischen“ zu finden. Selbst an den Tagen der Chemotherapie gibt es ja Momente, die gut sind und dann ist es halt wieder furchtbar. Es gehören eben alle Empfindungen zum Leben dazu, auch wenn man krank ist und man darf und soll das Schwarze und das Weiße sehen und keinen Einheitsbrei in Grau herstellen.
Was hilft kranken Menschen Ihrer Erfahrung nach?
Irene Kernthaler-Moser: Kranke haben ein ganz anderes Zeitempfinden als Gesunde. Kranke sind Menschen, die im Hier und Jetzt leben, weil es, wenn es ihnen schlecht geht, auch gar nicht anders geht. Und ich glaube, es ist das größte Geschenk für einen Kranken, sich auf sein Tempo einzulassen, zuzuhören, da zu sein, mit ihm das Hier und Jetzt zu erleben. Nicht darüber nachdenken, was noch erledigt werden muss oder was morgen ist. Auch nicht, wann es wieder besser wird, sondern überlegen, wie ich es JETZT so schön wie möglich machen kann. Und wenn man nur mal mit jemandem ins Kaffeehaus geht und sagt, es geht mir JETZT gut, dann ist das schon etwas. Und wenn der Radius ein Bett ist und ein Nachtkasterl, dann ist das halt so.
Hat Ihnen Ihr Glaube geholfen?
Irene Kernthaler-Moser: Ja sicher, keine Frage. Ich war früher auch gläubig aber ich habe es nie geschafft, das Beten in meinen Alltag zu integrieren. Aber als ich krank war, habe ich 40wöchige Exerzitien in Lainz gemacht. Und das war super, weil man da eben übt, jeden Tag zu beten. Und man bekommt so viel Übung, dass man es dann schafft, Gott jeden Tag in den Alltag zu integrieren und das tut mir auch immer noch gut. Mein Glaube macht mich mit aus, der gehört zu mir dazu, gibt mir viel Vertrauen und viel Kraft. Ich würde sonst wirklich zerrieben werden.
Sie geben in Ihrem Buch sehr persönliche Einblicke in ihre Gefühlswelt als sie krank waren.
Irene Kernthaler-Moser: Ich hatte immer den Eindruck, wenn ich dieses Buch schreibe, dann kann ich es nur so persönlich schreiben. In vielen Gesprächen mit meinen Freunden habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Erfahrungen Menschen Worte geben kann, die sie dann auch verwenden können, um zu sagen, wie es ihnen geht – entweder mit der eigenen Krankheit oder mit der Krankheit von ihnen Nahestehenden.
Krebs hat ja ein schlechtes Image, jeder denkt dabei sofort ans Sterben. Und das führt irgendwie dazu, dass man so wenig wie möglich redet und noch sprachloser ist und das tut keinem gut. Und was ich sagen wollte, aus meiner Erfahrung heraus, war: wenn es so schlimm ist, musst man erst recht darüber reden.
Viel Raum nehmen in dem Buch auch die Fotos ein.
Irene Kernthaler-Moser: Die Bilder waren mit sehr wichtig. Ich wollte nicht nur mit Worten beschreiben, ich wollte die Geschichte auch in Bildern erzählen, wollte meinen subjektiven Blick als Patientin wiedergeben. So gibt es ein Foto vom Burggarten, in dem ich auf die Diagnose gewartet habe und dann eines vom Eingang ins Wilhelminenspital, vom Treppenhaus dort, vom Spitalsbett. Und ich wollte diesen Rhythmus einer Kranken hineinbringen und auch diesen Blick, der sich verändert, der enger wird, bis man eines Tages nur mehr die Kraft hat, den Blick auf die eigene Teetasse zu richten oder auf das eigene Knie und nicht weiter. Der Blick verengt sich ja, je schlechter es einem geht und trotzdem ist immer noch alles ganz normaler Alltag.
Gibt es so etwas wie normalen Alltag überhaupt, wenn man so schwer krank ist?
Irene Kernthaler-Moser: Ja, natürlich. Es gibt eben so eine Normalität in dieser eigentlich schrecklichen Welt. Etwa die vielen Gespräche mit anderen Betroffenen, wenn man bei der Chemo sitzt. Da beginnt man einander zu erzählen, was man verträgt und wie man sich ausruht und was man bei dem Wehwechen macht oder dem und das kriegt eine Komplizenschaft und eine Normalität, die auch was Angenehmes hat.
Gibt es etwas, was sie aus der Zeit der Krankheit für den Rest Ihres Lebens mitgenommen haben?
Irene Kernthaler-Moser: Leute, die krank sind oder krank waren, haben ja den Gesunden gegenüber einen Vorteil: Sie wissen, dass sie endlich sind. Und ich mach das wirklich jetzt oft, dass ich wenn es ganz furchtbar hektisch ist, mich zurücklehne und mir denke, okay, wenn Du wüsstest, du hast nur mehr eine Woche zu leben, was würdest du tun, wofür freut es dich lebendig zu sein. Dieses genaue Hinsehen, worauf es mir ankommt, das tut mir gut. Das ist eine gute Übung und schüttelt alles in die richtige Richtung.