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05.02.2015

Die Kraft am Lebensende

Interview mit dem Palliativmediziner Herbert Watzke

Sie treten dafür ein, dass kranke Menschen nicht nur medizinisch behandelt, sondern auch spirituell begleitet werden. Warum?


Professor Watzke: In Krankheit, vor allem, wenn sie zu keiner Heilung mehr führt,  ist die Sinnfrage in allen Menschen sehr präsent. Die Sinnfrage ist mit der spirituellen Frage eng verbunden. Viele Studien zeigen, wenn man einen Sinn im Leben hat - sei es hier auf Erden oder in der vertikalen Achse -, tut man sich in der Bewältigung einer Erkrankung leichter. Insofern sind wir aufgerufen, das zu fördern.

Als Leiter der Abteilung Palliativmedizin am AKH Wien haben Sie mit Menschen in der allerletzten Lebensphase, im Sterben zu tun. Welche Bedürfnisse gibt es da?

 

Professor Watzke: Im Sterbeprozess sind Menschen etwa drei Tage lang nicht mehr bei Bewusstsein. Während wir vorher sehr eng in Gesprächen versuchen herauszufinden, was ihnen gut tut und wie wir ihnen helfen können, sind wir dann mehr auf die Intuition angewiesen, auf genaue Beobachtung oder äußere Zeichen wie Bewegungen, Abwehrhaltungen. Aber ganz genau weiß man das, auch wie es spirituell ausschaut, leider nicht.

Sie kommen täglich mit großem Leid in Berührung. Wie gehen Sie damit um?

 

Professor Watzke: Man muss das Leid eines Menschen wahrnehmen können, ohne selbst mitzuleiden. Sigmund Freud meinte, wenn das Leid des Patienten auf einen überspringt, ist das wie eine Infektionskrankheit. Man wird selber „krank“, leidet mit, wie es die Angehörigen tun, und dann kann man nicht professionell helfen. Wir alle würden es gar nicht aushalten, wenn wir mitleiden würden. Wenn man nicht leidet, kann man sehr gut fühlen, was die Patienten brauchen, sich wünschen, ihnen gut tut. Also nicht mitleiden, sondern mitfühlen.

Haben Sie Situationen erlebt, die Sie beeindruckt oder beeinflusst haben?

 

Professor Watzke: Was mich wirklich fasziniert und ich nie gedacht hätte, ist das: Wir Menschen entwickeln am Lebensende eine Kraft, die uns mit schwierigen Situationen, Krankheitszuständen, auch Autonomieverlust umgehen lernen und die Situation als lebenswert erleben lässt. Wenn man gesund ist, kann man sich das nicht vorstellen.
Und es klingt banal, aber es ist so: Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod, jeder geht den Weg, den er wählt. Wir unterstützen alle in ihrem Weg. Manche scheiden friedlich aus dem Leben, andere kämpfen bis zuletzt um jeden Funken ihrer Autonomie. Das eine ist so würdig wie das andere, weil Sterben an sich ein würdevoller Vorgang ist.