Herzog Rudolf der Stifter war im März 1365 26 Jahre alt und bereits krank. Sein berühmtes Porträt, das als das älteste authentische Herrscherporträt des Abendlandes gilt, zeigt einen kränklichen Mann. „Es wurde sogar gerätselt, ob es das Bildnis eines Toten sei. Mittlerweile geht man davon aus, dass es das Bild eines lebenden Mannes ist“, erklärt Domarchivar Reinhard Gruber.
Ob der junge Herrscher seinen baldigen Tod (am 27. Juli 1365) ahnte? Im März des Jahres 1365 tätigte er innerhalb von vier Tagen zwei bedeutende Stiftungen: zum einen, am 12. März, die Gründung der Universität in Wien. Sie trägt bis heute seinen Namen „Alma Mater Rudolphina“. Vier Tage später, am 16. März 1365, erfolgte die Gründung eines Kollegiatskapitels zu St. Stephan (heute „Domkapitel“).
Domarchivar Reinhard Gruber führt aus: „Das bedeutete ein Kollegium, eine Gemeinschaft von damals 24 Priestern und 26 Kaplänen mit einem Propst an der Spitze, der die Insignien eines Bischofs tragen durfte und zugleich die Erhebung St. Stephans zu einer exemten Kollegiatskirche, d. h. sie war dem Einfluss des Bischofs von Passau und des Erzbischofs von Salzburg entzogen und unterstand ausschließlich dem Papst. Das war eine sehr wichtige Vorstufe zur Gründung des Bistums Wien, die dann 1469 erfolgen konnte.“
Das „Domkapitel“ besteht heute aus zwölf Mitgliedern (Weihbischöfe und geistliche Amtsleiter) und tagt fünf bis sechs Mal pro Jahr im so genannten Kapitelsaal im Wiener Stephansdom. Der gotische Raum mit schlichtem Kreuzrippengewölbe atmet noch den Geist des 14. Jahrhunderts und befindet sich rechts vom Hauptaltar des Domes.
In der Geschichte wurde der Saal als Reliquienschatzkammer genutzt und diente Kaiserin Maria Theresia als Winterchor für ihre Andachten an gewöhnlichen Bettagen. Für die Kaiserin brach man einen Eingang direkt vom Stephansplatz in den Saal durch. Ab 1900 wurde der Raum als Kapitelsaal verwendet, „d. h. dass sich die Domkapitulare zu ihren Beratungen hierher zurückziehen und direkt im Dom über Verwaltungsfragen, organisatorische Fragen, Personalfragen und Finanzfragen den Dom betreffend beraten. Hier finden auch die Wahlen des Domkustos und des Domdekans statt“, sagt Reinhard Gruber.
„Das Domkapitel ist ein Beratungsgremium des Erzbischofs“, erklärt Ordinariatskanzler und Domkapitular Walter Mick, der über die rechtsgeschichtliche Entwicklung des Domkapitels seine Dissertation verfasste. Es sei aber vor allem auch Gebetsgemeinschaft. Walter Mick: „Wir feiern jeden Tag gemeinsam die Kapitelmesse mit integrierter Laudes. Ein Umstand, um den uns andere Domkapitel beneiden.“