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11.03.2015

"Passionswege": "Am Lebensende stellen sich dann spirituelle Fragen"

Ernestine Radlmair-Mischling begleitet kranke Menschen auf ihrem letzten Lebensweg im Caritas Socialis-Hospiz Rennweg.

Im Nachhinein betrachtet, passe dieser Weg, den sie eingeschlagen hat, zu ihrer Lebensgeschichte, so Ernestine Radlmair-Mischling: "Ich war als Kind lebensbedrohlich krank. Damals hat diese Auseinandersetzung mit Sterben und Tod begonnen. Als Jugendliche habe ich Elisabeth Kübler-Ross gelesen. Es hat mich einfach interessiert, wie Menschen mit Krisen umgehen und was es mit dem Sterben auf sich hat." Sie hat Theologie studiert, war einige Zeit in der Jugendarbeit tätig – und doch auf der Suche, wo sie als Theologin und Seelsorgerin ihre wahre Berufung leben könnte. "Mir war schon bald klar, dass meine Stärke darin liegt, Menschen intensiv zu begleiten. Da ist das Krankenhaus eine gute Möglichkeit."

 


Hilft es, wenn Schwerkranke und Sterbende an ein Leben danach glauben? Wie geht es Patienten, die diese Vorstellung gar nicht haben? Die Hospizseelsorgerin antwortet mit einem Zitat eines Patienten, der von Beruf Soziologe war: "Ich habe nie verstanden, dass Menschen glauben. Das war nie eine Kategorie, die ich gebraucht habe. Mein Leben war schön. Ich habe belächelt, dass Menschen, die intelligent sind, sich  mit dem Glauben abgeben. Jetzt beneide ich meine Frau, die gläubig ist. Sie tut sich leichter damit, das alles zu akzeptieren." Dieser Mann habe bemerkt, dass der Glaube seinen Mitpatienten helfen könne. Ein Satz des Soziologen habe Ernestine Radlmair-Mischling damals sehr beeindruckt: "Jetzt wünschte ich mir einen Gott zum Hadern."

 
Dimension erweitern
Man wisse aus Studien, dass sich in schwerer Krankheit und in Lebensbedrohung existentielle und spirituelle Fragen  einfach stellen würden. Ganz egal, ob man sie sich vorher gestellt habe oder nicht. "Wenn das Leben insgesamt in Frage gestellt wird, dann findet man in den gewohnten Systemen keinen Ansatzpunkt mehr. Dann muss man die Dimension erweitern. Das ist dann das Universum, Gott, die Macht, die uns trägt. Es gibt viele Möglichkeiten diesem einen Namen zu geben, oder der Kraftquelle, aus der ich mein Leben gelebt habe. Diese kann mir bewusst sein oder nicht, ich kann darüber reflektiert  haben oder nicht. Das ist das Wunderbare, dass diese Kraftquelle – in meiner Diktion Gott – da ist und da bleibt. Da kann ich mich jetzt noch hinwenden oder auch nicht." Manche würden das machen, vielleicht nur in einem Moment des Staunens. Vielleicht mit Hadern oder aus Dankbarkeit.


Reicher Schatz der Psalmen
Die Seelsorgerin erlebt, dass viele Menschen – sie müssen nicht religiös sein – es sehr gerne annehmen , wenn ihr ein Psalm oder ein Gedicht einfällt. "Man  klammert sich gern an die Hoffnung, auch wenn es aussichtslos erscheint. In den Psalmen entdecke ich einen großen Reichtum. Da ist das ganze Leben drinnen. Der Psalm 23 spricht mich besonders an. Ein Hoffnungsbild, fast zu viel des Guten. Wo die Not groß ist, darf die Hoffnung noch größer sein."