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19.03.2015

"Passionswege": Von einem, der überlebte

Walter Fantl-Brumlik: Es gibt überall gute Menschen und denen verdankt er sein Leben.

Man verliert langsam die Erinnerung“, sagt Walter Fantl-Brumlik. Anfang März ist er 91 Jahre alt geworden. Auf blitzblank gewischtem Holz und weißen Spitzendeckchen stehen greifbare Andenken – Fotos in Rahmen, Statuetten von Reisen in ferne Länder, ein alter Sederteller für die Pessachfeier.


„Meine Jugendzeit war sehr schön – bis 1938, dann kam ein anderes Kapitel.“ Das „andere“ Kapitel hat Walter Fantl-Brumlik vor 15 Jahren wieder aufgeschlagen, als er sich als Zeitzeuge zur Verfügung stellte.

 

 

Richtig abgeschlossen war es nie. Nachts, in Träumen durchlebte Walter Fantl-Brumlik diese Zeit immer wieder. Heute träumt er nur selten davon. Vielleicht hängt das auch mit dem allmählichen Verlust von Erinnerungen zusammen.

Das andere Kapitel

1938 dürfen Walter und seine Schwester nicht mehr in die Schule gehen, im Jahr darauf muss der Vater sein Geschäft in Bischofstetten aufgeben und die Familie in eine jüdische Sammelwohnung nach Wien übersiedeln. Im Herbst 1942 werden alle ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Zwei Jahre später kommen Walter und sein Vater in Viehwaggons in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.


Mengele sortiert aus

Der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele hat an diesem Tag Rampendienst. Er schickt Walter nach rechts, den Vater nach links. „Kann ich mit meinem Vater gehen?“, fragt Fantl-Brumlik. Er darf nicht. Von einem Aufseher erfährt er später, was mit seinem Vater passiert ist. „Der ist schon da oben“, sagt der Mann und zeigt in den Himmel.

 

Von Vergasungen hatte Walter bis dahin noch nie gehört. „Im Moment kommt man da gar nicht mit“, beschreibt er, „ich war gefühllos, war – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – auf einem anderen Stern.“

Dankbar für Lebensretter

Walter kommt ins Nebenlager Gleiwitz I und arbeitet als Schlosser bei der Reichsbahn. Der Schlossermeister, ein Deutschpole, bringt ihm mindestens dreimal wöchentlich eine Mahlzeit mit, wärmt sie mit dem Schweißapparat und schickt Walter zum Essen heimlich ins Bremshäuschen eines Güterwaggons.

 

„Wenn sie den erwischt hätten! Ich habe ihn nach der Befreiung gesucht, um mich zu bedanken, aber ich habe ihn nicht gefunden. Ich sitze seinetwegen noch hier. Es gibt überall gute Menschen.“


Solche guten Menschen retten Fantl-Brumlik auf dem Todesmarsch Anfang 1945 das Leben. Bei minus 20 Grad und mit einer eiternden Wunde am Fuß, hält er die 40 km Tagesetappen nicht durch. Er wird von anderen gestützt und so vor dem Erschießen gerettet.


Im KZ Blechhammer wird er von den Russen befreit. „Ich habe 37 kg gewogen.“ Walter Fantl-Brumlik zeigt den Ledergürtel den er damals am letzten Loch trug. „Der  hat viel gesehen, Auschwitz, Birkenau, alles.“


Wo war Gott?

Walter Fantl-Brumlik hat als einziger seiner Familie die NS-Zeit überlebt. In all dem Schrecken hat er seinen Glauben nicht verloren. „Solche Gedanken sind mir auch gekommen: Wo ist Gott geblieben?

 

Es stimmt ja auch teilweise, nicht? Andererseits: Ich habe überlebt. Dafür bin ich dankbar.“