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20.03.2015

Ökumenische Debatte über Sinn von Katechismen

Auftaktveranstaltung zu Ringvorlesung "Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute".

Über Sinn und Grenzen von Katechismen im religiösen Bildungsprozess diskutierten katholische und evangelische Vertreter am Mittwoch, 18. März 2015, in Wien zum Auftakt der Ringvorlesung "Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute".

 

Die Leiterin des erzbischöflichen Amts für Unterricht und Erziehung in Wien, Christine Mann, hält moderne Katechismen für wichtig und wertvoll. Mann sprach vom "Mut zur Zusammenschau", den es nur mehr in der Theologie gebe. Gerade in der heutigen Zeit, in der Spezialfähigkeiten in stark abgegrenzten Bereichen mehr und mehr in den Vordergrund rücken, würden Katechismen eine einzigartige Möglichkeit des Überblicks bieten.

 

Leitfaden zur Orientierung

Ein Katechismus biete einen guten Leitfaden zur Orientierung. Mann: "Jeder Mensch beschäftigt sich irgendwann in seinem Leben mit den Grundfragen seiner eigenen Existenz." Gerade in der Unübersichtlichkeit der heutigen Welt seien viele aber überfordert. Diese Unübersichtlichkeit spiele beispielsweise auch fundamentalistischen Strömungen in die Hände, der Katechismus könne dem entgegen wirken, da er Basiswissen vermittle.

 

Der Mangel an Basiswissen sei allerdings nicht alleine ein Problem der Kirchen und Religionsgemeinschaften, sondern offenbare sich in allen Bereichen der sogenannten Allgemeinbildung, so Mann. "Ich würde mir wünschen, dass auch Parteien oder große Konzerne sich intensiver mit ihrem ursprünglichen Auftrag und ihrer Philosophie, im Sinne eines Katechismus, beschäftigen." Mit der Leiterin des Wiener katholischen Schulamtes diskutierten der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, die evangelische Theologin Susanne Heine sowie der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Martin Rothgangel.

 

Bünker: Fragen wichtiger als Antworten

Bischof Bünker betonte, dass religiöse Bildung heutzutage wichtiger denn je sei. Für ihn seien Katechismus und religiöse Bildung allerdings schwer zu verbinden. Man müsse vielmehr auf die Fragen der Menschen hören und dabei nicht sofort die Antwort parat haben. Bünker zitierte aus dem aktuellen Bildungsbericht der evangelischen Kirchen, aus dem hervorgehe, dass die Mehrheit der Konfirmanden sich vom Konfirmandenunterricht nicht angesprochen fühlt. "Das sind die wirklichen Probleme, ich bezweifle aber, dass sie sich mit dem Katechismus lösen lassen", so der Bischof. Auch bei den Katechismen Luthers sei es für ihn prinzipiell interessanter, auf die Fragen als auf die Antworten zu schauen, da diese zum Denken und Weiterfragen anregen. Die Kirche brauche aber die Katechese, da sie im hohen Maße Identität stifte, zeigte sich der Bischof überzeugt.

 

Für Landessuperintendent Hennefeld können Katechismen nur assistierend bei einem Bildungsprozess sein: "Der Katechismus kann nie das gesprochene Wort ersetzen, er kann aber als Begleitbuch dazu beitragen, die Bibel besser zu verstehen." Der Heidelberger Katechismus, der in der reformierten Kirche am meisten verbreitet ist, wirke aus heutiger Sicht schwer verständlich und antiquiert. Man müsse aber bedenken, dass er Mitte des 16. Jahrhunderts, als er das erste Mal erschien, geradezu revolutionär gewesen sein muss. Besonders das Frage-Antwort-Schema würde von einer Grundbereitschaft zum Dialog zeugen, was für die damalige Zeit sicher nicht die Regel war.

 

"Für Menschen auf der Suche nicht das richtige"

Susanne Heine meinte, dass der Katechismus für Menschen auf der Suche nicht das richtige Werkzeug sei, da er lediglich das Ergebnis und nicht den Weg formuliere, so die evangelische Theologin. Für sie seien solche Bekenntnisse zwar ein wichtiger Ausdruck christlicher Glaubensgemeinschaft, die Gewissheit des Glaubens könne aber nicht durch das Studieren oder Auswendiglernen eines Katechismus, sondern nur durch Gott selbst erlangt werden. Katechismen seien heutzutage kaum noch sinnvolle Werkzeuge. "Selbst diese Einführungen verlangen ein gewisses Maß an theologischer Grundbildung, dieses ist heute aber nicht mehr voraussetzbar", sagte Heine.

 

Dekan Rothgangel skizzierte religiöse Bildung in erster Linie als Dialog auf Augenhöhe. Dieser sei aber bei den historischen Katechismen nicht vorgesehen, was schon die ursprüngliche altgriechische Bedeutung, nämlich "herabtönen", verdeutliche. Des Weiteren gehe der kleine Katechismus Luther von ganz anderen Lebensrealitäten aus, als man sie heute vorfinde, so der Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät. Neuere Katechismen hätten aber sehr wohl ihre Berechtigung, da sie Basics des christlichen Glaubens gut vermitteln könnten. Diese müssten aber nach neuen didaktischen Konzepten konzipiert sein und zum Fragen anregen, so Rothgangel.

 

Die Ringvorlesung findet in Rahmen des von der evangelischen Kirche für 2015 ausgerufenen "Jahres der Bildung" statt. In neun Einheiten widmen sich Bildungsexperten aus dem In- und Ausland dem Zusammenhang von Bildung und Reformation in all seinen Facetten. So wird beispielsweise der Tübinger katholische Theologe Albert Biesinger im April über "Bildung, Reformation und Beruf" sprechen. Der Wiener Theologe Martin Jäggle hält ebenfalls im April eine Vorlesung zum Thema "Bildung, Reformation und Gegenreformation".