Mit einem Gottesdienst im Wiener Stephansdom wurde am Freitagabend, 20. März 2015 an den im Jahr 2000 verstorbenen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger (1915-2000) gedacht, der am 20. März seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.
Kardinal Christoph Schönborn stand der Messe vor, an der u.a. auch der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen teilnahm. Bundespräsident Heinz Fischer repräsentierte an erster Stelle die Republik Österreich.
Weihbischof Helmut Krätzl würdigte in seiner Predigt die Verdienste und das Lebenszeugnis Kirchschlägers. Als Mitglied er Kriegs- und Nachkriegsgeneration gehörte er zu jenen Politikern, die das Wohl des Landes und seiner Bürger über Parteieninteressen stellten. Kirchschläger sei ein Mann mit einem "unbeugsamen Charakter" gewesen, mit festen Grundsätze, Geradlinigkeit, selbstbewusst und willensstark und doch voll Güte und gesprächsbereit, so Krätzl. Seine Charaktereigenschaften hatten über eine tiefe Menschlichkeit hinaus zwei besondere Stützen gehabt: den religiösen Glauben und seine Familie: "Er hatte eine schlichte Frömmigkeit, die aber sein ganzes Leben und Wirken beeinflusste. Christliche Werte waren ihm Wegweiser, dazu kam die bewusste Verantwortung vor Gott."
Kirchschläger habe nicht nur Familie beglückend erlebt und beispielhaft vorgelebt, sondern auch gezeigt, "welche Kraftquelle sie für ein so hohes Amt sein kann". Krätzl: "Wenn man ihm rückblickend für so vieles dankbar ist, was er für das Land und die Menschen getan hat, dann wohl auch für das Beispiel gelebter Treue in der Ehe, in einer Zeit, da Ehe und partnerschaftliche Treue so zerbrechlich geworden sind."
Kirchschläger habe stets auch die Wichtigkeit der Familie für Gesellschaft und Staat betont, sagte Krätzl: "Wir würden gerne heute seine Stimme hören im Diskurs über Anerkennung vieler Arten von Partnerschaft. Ich meine, er würde bei allem Respekt vor unterschiedlichen Lebensentscheidungen uns mahnen, was Ehe und Familie anlangt, doch auch Ideale aufzuzeigen und nach Hilfen zu suchen, diese auch zu erreichen."
Ausdrücklich hob der Wiener Weihbischof auch die Kirchlichkeit des ehemaligen Bundespräsidenten hervor. Er sei praktizierender Katholik gewesen, der um den Weltauftrag der Kirche wusste: "Trennung von Kirche und Staat ja, aber doch auch die so notwendige ergänzenden Zusammenarbeit", formulierte Krätzl die Überzeugung Kirchschlägers und weiter wörtlich: "Was würde er heute denen sagen, die Religion und Kirchen in den Privatbereich abdrängen wollen, als wären sie ein Hemmnis des neutralen Staates, des Fortschritts und wachsender Demokratie?"
Altbundespräsident Rudolf Kirchschläger war am 30. März 2000, nur wenige Tage nach seinem 85. Geburtstag, in Wien gestorben. Während seiner Amtszeit als Bundespräsident von 1974 bis 1986 trat Kirchschläger wiederholt als Mahner an die Öffentlichkeit. Der gebürtige Oberösterreicher war in seinem Amt über alle Parteigrenzen hinweg anerkannt und hoch angesehen. Bei seiner Angelobung fügte der praktizierende Katholik als erster Bundespräsident der Zweiten Republik der herkömmlichen Formel die verfassungsmäßig erlaubte Ergänzung "So wahr mir Gott helfe" hinzu. 1990 verlieh Papst Johannes Paul II. ihm eine der höchsten kirchlichen Auszeichnungen, das "Großkreuz des Päpstlichen Pius-Ordens".
Nach seinem Rücktritt als Staatsoberhaupt war Kirchschläger von 1989 bis 1993 auch Präsident der von Kardinal Franz König (1905-2004) gegründeten ökumenischen Stiftung "Pro Oriente". Kardinal Schönborn würdigte nach dem Tod Kirchschlägers dessen gelebte "Übereinstimmung von Wort und Tat, das Bemühen um die 'Übersetzung' des Evangeliums in den konkreten Alltag auch der Politik", die den Altbundespräsidenten "zu einem Beispiel für viele gemacht" habe.