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07.04.2015

Landau: Sozialer Zusammenhalt ist entscheidende Zukunftsfrage

Caritas-Präsident plädiert in ausführlichem ORF-III-Osterinterview für individuelle und auch strukturelle Solidarität.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft und die Frage, was geeignet ist, vorhandene Solidarstrukturen zu stärken, sind entscheidend für die Zukunft Österreichs. Darauf hat der Präsident der Caritas Österreich, Michael Landau, am Ostermontag, 6. April 2014 in einem ausführlichen ORF-III-Interview hingewiesen. Neben individueller, von allen Mitgliedern des Gemeinwesens leistbarer Solidarität brauche es auch strukturelle, denn: "Es gibt keine Not, die uns nichts angeht."

 

„Armut bekämpfen, nicht die Armen“

Michael Landau warnte angesichts anstehender Urnengänge in Österreich auch davor, in der politischen Auseinandersetzung Ängste zu schüren. "Wer im Wahlkampf viel Porzellan zerschlägt, riskiert, dass er danach mit Scherben den Tisch decken muss", so der Caritas-Chef wörtlich. Einerseits müssten die Ängste von Menschen vor vermeintlichen oder tatsächlichen Bedrohungen ihrer Sicherheit und ihres Lebensstandards ernst genommen werden, zugleich beharre die Caritas darauf, dass die Armut zu bekämpfen sei, nicht die Armen. Hier würde er sich manchmal mehr Großherzigkeit und Mut wünschen, so Landau in dem im Klosterneuburger Essl-Museum aufgezeichneten Gespräch mit Christoph Riedl-Daser. Zugleich hielt er im Blick auf Multikulturalität fest, dass es in Österreich einen Konsens braucht, dass Menschen- bzw. Frauenrechte für alle gelten und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit für alle gelten müssen.

 

Steuerreform: Weitere Schritte notwendig

Zur jüngst von der Regierung präsentierten Steuerreform sagte Landau, das Ziel, die Schwächsten zu entlasten, sei gelungen. Weitere Maßnahmen zur Sicherung der Pflege, des Zugangs zu Bildung und des Zusammenhalts in der Gesellschaft seien jedoch erforderlich. Das Auseinanderdriften von Arm und Reich sei ein Stück weit bekämpft worden, dies müsse aber ohne Neiddebatten und gemäß hohen Ansprüchen an Gerechtigkeit und Fairness weiterentwickelt werden. Mit einer Gesellschaft, in der die Kluft wächst, dürfe man sich nicht abfinden, denn dies würde letztlich allen schaden - auch in ökonomischer Hinsicht, meinte Landau.

 

Dass in Österreich die Polarisierung zunimmt, könne die Caritas an ihrer Sozialarbeit ablesen: In der Wiener Obdachloseneinrichtung Gruft seien zuletzt mehr als 110.000 warme Mahlzeiten ausgegeben worden - eine Rekordzahl, wie Landau feststellte. Und die 36 Sozialberatungsstellen der Caritas habe mit einer Klientel zu tun, die nach Abzug der Wohnkosten mit fünf bis sechs Euro pro Tag auskommen müsse.

 

Landau wies darauf hin, dass von den öffentlichen Sozialbudgets nur ein kleiner Teil der Armutsbekämpfung diene, rund die Hälfte jedoch für Pensionen und Zuschüsse dazu. Und "erschreckend viele Kinder" hätten einen schlechteren Start ins Leben, verursacht dadurch, dass hierzulande besonders oft Armut und Bildungsstand "vererbt" würden. Immerhin lasse sich positiv diagnostizieren: "Der Sozialstaat wirkt, wir können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten", so Landau.

 

"Kirche nicht zum Ja-Sagen gestiftet"

Michael Landau, der seit 20 Jahren an der Spitze der Caritas Wien steht und seit eineinhalb Jahren Präsident der Caritas Österreich ist, zitierte in dem Interview seinen unvergessenen Vorgänger Leopold Ungar (1912-1992): Christus habe die "Kirche nicht zum Ja-Sagen gestiftet, sondern als Zeichen des Widerspruchs". Auch heute noch gelte für die Caritas das Prinzip: so viel Zusammenarbeit wie möglich, aber auch so viel Kritik wie nötig. Dass die österreichischen Bischöfe die

 

Caritas "vorschicken", wenn es um gesellschaftlich heiße Eisen geht, relativierte Landau: Auch Kardinal Christoph Schönborn habe zuletzt in der Pressestunde am Palmsonntag klar benannt, dass die Gesellschaft nur zukunftstauglich sei, "wenn sie an den Rändern aufmerksam ist". Die Kirche insgesamt dürfe sich mit Armut und Ungerechtigkeit nicht abfinden, betonte der Caritas-Präsident. Seinen Job nannte Landau "eine der schönsten Aufgaben, die man in Österreich haben kann - auch in der Kirche".