Ein literarischer Schlüsseltext der Aufklärung und der europäischen Toleranzidee steht am 9. und 10. April 2015 im Mittelpunkt des Symposions "Lessings Ringparabel. Ein Paradigma für die Verständigung zwischen den Religionen heute?" an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät. Theologen und Geisteswissenschaftler aller drei abrahamitischen Weltreligionen - Judentum, Christentum und Islam - nehmen daran teil.
"Für die Verständigung zwischen den Religionen ist Lessings Ringparabel zu einem einschlägigen Referenztext religionstheologischer Debatten geworden", heißt es in der Ankündigung.
Zu Wort kommen u.a. der Heidelberger Religionswissenschaftler Jan Assmann, bekannt geworden durch die These, dass mit dem Monotheismus und dessen Absolutheitsanspruch eine neue Form der Gewalt in die Welt gekommen sei, der Tübinger katholische Theologe Karl-Josef Kuschel, weiters der jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik, der afghanisch-deutsche Islamwissenschaftler und Koran-Übersetzer Ahmad Milad Karimi und der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück.
Die Ringparabel wird von der Titelfigur in "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1779 erzählt und fußt auf einer Vorlage aus Giovanni Boccaccios Novellensammlung "Decamerone". Sultan Saladin, muslimischer Herrscher Jerusalems zur Zeit des dritten Kreuzzugs, stellt dem Juden Nathan die Frage, welche der drei monotheistischen Religionen er für die wahre halte. Nathan entkommt der Zwickmühle mit folgendem Gleichnis: Ein Vater besitzt ein wertvollen Ring, der seinen Träger "vor Gott und den Menschen angenehm" machen kann. Da er drei Söhne hat und er keinen von ihnen bevorzugen will, lässt er Duplikate herstellen und vererbt jedem einen davon mit der Versicherung, sein Ring sei der echte. Nach dem Tode des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um die Echtheit klären zu lassen - was nicht gelingen kann. Der Richter erklärt, die "Echtheit" werde sich in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Jeder Ringträger - der für eine der Weltreligionen steht - solle sich also bemühen, "vor Gott und den Menschen angenehm" zu sein.
Schauplatz des Wiener Symposions ist der Sitzungssaal der Katholisch-Theologischen Fakultät, mit Ausnahme des Festvortrags von Jan Assmann am Donnerstag, 9. April, um 19 Uhr im Kleinen Festsaal im Hauptgebäude der Universität Wien. Sein Thema: "Lessings Ringparabel - die performative Wendung der Wahrheitsfrage".