Die Zahl der Katholiken in Afrika wächst rasant. Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche auf diesem Kontinent?
David Ayotte: Zunächst ist es jetzt nicht eine Herausforderung des Glaubens, denn die afrikanischen Kirchen sind voller Leben. Die Schwierigkeit ist einfach, sicher zu sein, dass dem christlichen Glauben in der lokalen Kultur Ausdruck verliehen werden kann. Eine andere große Herausforderung ist die Zahl von Priestern. Ich gebe ein Beispiel: Es gibt einen Priester für 900 Menschen in Italien, im Vergleich dazu ist ein Priester für 8000 in Afrika da. Die Kirche dort muss mehr auf Laien angewiesen sein, die die Priester unterstützen, weil das Gebiet so groß ist und es so viel Arbeit gibt. Eine Aufgabe in Afrika ist der Dialog mit den christlichen Brüdern und Schwestern. Wir müssen nicht nur miteinander reden und zusammenarbeiten. Sondern wir müssen verstehen, was uns als Christen eint und wie wir mit anderen Religionen, besonders mit dem Extremismus des Islams umzugehen haben.
Auch die Jesuiten haben, wie Papst Franziskus fordert, den Auftrag, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen.
David Ayotte: Die afrikanische Kirche liegt nicht an der Peripherie, sondern im Herzen der globalen katholischen Kirche. Sie kann nicht nur für die Zukunft etwas beitragen, sie tut es heute schon. Ich mag das Bild von afrikanischen Schriftstellern wie dem Diözesanpriester Laurenti Magesa, der den afrikanischen Sinn von „Ubuntu“ betont: Wir alle sind zusammen in diesem Netz des Lebens verbunden. Wir haben gegenseitig eine Verantwortung. Unsere Individualität finden wir, weil es eine Gemeinschaft gibt. Nach afrikanischer Vorstellung ist eine Person nur in der Gemeinschaft sicher. Unsere Theologie muss sich wegbewegen von einer Spiritualität, die so sehr an meiner individuellen Beziehung mit Gott interessiert ist, hin zu einer, bei der unsere gemeinsame Beziehung im Vordergrund steht.
Warum ist Bildung für die afrikanischen Menschen so wichtig? Was ist das Besondere an der jesuitischen Ausbildung?
David Ayotte: Bildung bietet eine Chance. Je mehr Fertigkeiten man erlernt hat, desto mehr hat man die Möglichkeit, in der Arbeitswelt voranzukommen – besonders wenn der Wettbewerb laufend zunimmt. Die Bildung, die die Jesuiten und die Kirche anbieten können, ist eine in der Spiritualität verwurzelte Bildung mit Fokus auf Gott – mit der Gewissheit, dieser Gott arbeitet mit uns und leitet uns. Sie basiert nicht nur auf der Moral von Ge- und Verboten, denn das wäre nicht genug.
Ich bin Theologieprofessor am Hekima College in Nairobi. Wenn ich mit meinen Priesterstudenten arbeite, die aus 17 Ländern kommen, inspirieren sie mich. Ihre persönlichen Geschichten, ihre Schwierigkeiten, die sie überwinden mussten, sei es Krieg oder Armut. Sie weisen eine Bildung auf, die verwurzelt in einer Beziehung zu Gott ist und nun eine Verpflichtung wurde, anderen zu dienen.
Afrika ist der am stärksten von der AIDS-Epidemie betroffene Kontinent. Wie kann der Traum von einer HIV- und AIDS-freien Generation wahr werden?
David Ayotte: Die Herausforderung besteht in der langjährigen Begleitung der von HIV und Aids betroffenen Personen. Es ist nicht etwas, wo man einfach ein Medikament verabreicht und in einer kurzen Zeit wird das Problem gelöst. Wir dürfen nicht von der Geschichte einer Person nur einen Monat berührt sein und dann wieder verschwinden. Ein endgültiges Heilmittel gegen Aids zu finden, ist nur eine Dimension des Problems.
Das Afrikanische Aids-Netzwerk der Jesuiten (AJAN) mit seinem Direktor Pater Paterne Mombé leistet hervorragende Arbeit. Er koordiniert die Vernetzung von vielen verschiedenen Organisationen, die direkt Betroffene und die in Aids-Projekten Tätige in 30 Ländern auf dem Kontinent unterstützen, ob in der Arbeit der Bewusstseinsbildung oder bei der medizinischen Versorgung.
Ein Teil des sozialen Apostolates der Jesuiten ist es, Flüchtlinge zu unterstützen. Wie sieht die Hilfe des Ordens konkret aus?
David Ayotte: Die erste und wichtigste Aufgabe ist es, sich die persönliche Flüchtlingsgeschichte anzuhören. Vor etwa drei Jahren war ich in Kakuma, einem Flüchtlingslager im nordwestlichen Kenia. Geplant wurde das Lager für 40.000 Personen. Als ich es sah, waren 80.000 Menschen in diesem untergebracht. Eine moslemische Familie aus Somalia erzählte mir, dass sie dort schon zehn Jahre wären. Wir denken vielleicht an einen Flüchtling, der nach einigen Monaten verschwindet, aber die Menschen kommen in ein Flüchtlingslager und das nächste Jahrzehnt leben sie hinter Zäunen. Ihr Gefühl für die Zukunft ist sehr gestört, der einzige Gedanke: „Ich vergeude mein Leben.“
Ein heute 18-Jähriger hätte beispielsweise mit dem College in Somalia oder im Sudan beginnen können. Deshalb hat der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) mit einem Universitätsprojekt im Camp von Kakuma begonnen. In Kooperation mit Jesuitenuniversitäten werden Fernkurse mittels Computer angeboten, damit junge Männer und Frauen akademische Grade erwerben können. Wenn sie aus dem Lager herauskommen, können sie eine Ausbildung vorweisen und mit ihren erlernten Fähigkeiten ihren Weg weitergehen.