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22.04.2015

Die vertriebenen Kinder Nigerias

Menschen lernen, mit offenen Augen zu schlafen. Trotzdem gibt es Hoffnung.

Emeka* sitzt auf einer Parkbank vor der Kirche St. Leo the Great in Enugu im Norden Nigerias. Es ist Sonntag und hunderte Menschen feiern ihren Gottesdienst.

 

Am 4. November 2012 haben Terroristen die Kirche gestürmt und verwüstet. Nur wenige Spuren von diesem Anschlag sind noch sichtbar. Es ist schwül, 35 Grad, die Sonne scheint. Die Regenzeit wird in wenigen Wochen beginnen.

 

Emeka scheint nicht am Gottesdienst interessiert zu sein, sie blickt in die Ferne. Emeka kommt aus dem Norden Nigerias. Sie ist Christin und vor der Gewalt von Boko Haram geflüchtet. Die islamistische Sekte fühlt sich der Terrorgruppe IS zugehörig und ermordet Christen aufgrund ihres Glaubens.

 

Boko heißt übersetzt Buch, Haram bedeutet schlecht: Bücher sind schlecht. Gemeint sind nicht nur Bücher, sondern jegliche westliche Bildung.

 

 

In Nigeria leben mehr als 170 Millionen Menschen, in einem Land, das elfmal so groß wie Österreich ist. Die eine Hälfte Muslime, die andere Christen. Im bevölkerungsgrößten Land Afrikas gibt es mehr als 500 verschiedene Dialekte.

 

Allgemein verständigt man sich auf Englisch. Denn Nigeria stand bis 1960 fast hundert Jahre unter der britischen Kolonialmacht, dann folgte die Unabhängigkeit und ca. 30 Jahre immer wieder unterbrochene Militärdiktaturen.

 

Erst 1998 erfolgte die endgültige Demokratisierung.

 

Wir leben mit dem Tod

„Meine Region ist von Muslimen dominiert. Angst ist unser stetiger Begleiter. Man versucht, nichts falsch zu machen, sonst stirbt man“, erzählt Emeka. Ihre Augen wirken glasig und immer wieder blickt sie um sich. „Menschen sterben und das meist sehr grauenvoll.

 

Tagelange Folterungen verzögern nur das Sterben. Sie vergewaltigen schwangere Frauen und schneiden ihnen danach den Bauch auf“, und wieder stockt Emeka, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhört.


Es sei Alltag mit dem Tod zu leben und mit offenen Augen zu schlafen. „Hass verspüre ich keinen. Wir Christen streben nicht nach Vergeltung. Vergib deinen Nächsten, das ist unsere Philosophie. Aber das macht uns auch zu guten Opfern“, fügt Emeka hinzu.

 

Besonders angespannt ist die Situation während den Feiertagen, ob Weihnachten, Ostern oder das Oktoberfest. Aber auch bei Wahlen. Deswegen ist Emeka in den Norden geflüchtet. Denn zuvor wurde ein neuer Präsident gewählt.

 

Der christliche Präsident Goodluck Jonathan wurde vom muslimischen Exdiktator Muhammadu Buhari abgelöst. Dieser will nun die Demokratie retten und die Christenverfolgung stoppen.


Emeka glaubt nicht daran, dass sich durch diese Wahl etwas ändern wird. Im Gegenteil sie befürchtet eine Zunahme der brutalen Übergriffe.

 

Emeka ist nicht nur vorübergehend aus dem Norden geflüchtet, sondern sucht auch Verwandte, die ebenfalls ihr Zuhause verlassen mussten. Meist sind diese verstreut im ganzen Land und auch viele Kinder wurden von ihren Eltern getrennt. Wenn diese Glück haben, finden sie ihren Weg in ein katholisches Waisenhaus, wo ihnen Liebe und Geborgenheit geschenkt wird.

 

Denn die Regierung des Landes scheint mit all den Konflikten, Wahlen und Korruptionsproblemen überfordert zu sein. Somit stehen Waisenkinder ganz unten auf der To-do-Liste.

Kinder, die nicht im Freien spielen

Drei Waisenhäuser werden von der Diözese Enugu betreut. Hier sollen die schwer traumatisierten Kinder, die aufgrund von Boko Haram ihre Eltern verloren haben, wieder ein Zuhause finden.

 

Doch eines davon, genannt Waisenhaus der Guardian Angels, liegt in einer besonders menschenunwürdigen Gegend. Verantwortlich für die Waisenhausprojekte ist Monsignore Obiora Ike, katholischer Priester der Diözese und Caritasdirektor in Enugu.

 

„Auf der rechten Seite bedroht ein verseuchter Fluss, voll mit Fäkalien und Chemikalien, immer wieder unser Haus. Besonderes während der Regenzeit kommt es zu Überschwemmungen“, erzählt Obiora Ike.

 

Auf der anderen Seite liegt zudem eine Blechfabrik. „Von 6 Uhr in der Früh bis 8 Uhr am Abend ist es so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Das Unternehmen verarbeitet auch Blei, das in Nigeria unter diesen Bedingungen illegal verwendet wird. Der Staub verteilt sich in der Luft und verursacht Krebs. Deswegen dürfen die Kinder das Haus nicht verlassen“, bedauert der Monsignore.

 

Die Verfolgung der Christen in Nigeria dauert schon über 30 Jahre. In den letzten sieben besonders durch Boko Haram. Das Waisenhaus wurde 1999 gebaut und insgesamt 400 Kinder konnten hier betreut werden. 70 Prozent von ihnen haben ihre Eltern aufgrund der Christenverfolgungen verloren.

Ein neues Waisendorf aus Österreich

Die Kinder in dem zuvor erwähnten Waisenhaus leben im ersten Stock. Wie Gefangene können sie nur durch ein Gitter hinausblicken. „Hier müssen die Kinder spielen, essen und schlafen.

 

Manchmal sogar 50 Kinder auf nur 40 Quadratmeter. Sie leben hier zusammengepfercht wie auf einer Hühnerfarm“, so Monsignore Obiora Ike. Als er das Waisenhaus betritt, laufen ihm die Kinder entgegen und rufen „Vater, Vater“. Obiora Ike singt und tanzt mit ihnen. Trotz der denkbar schlechten Umstände und den Tod der Eltern scheinen die Schützlinge sehr fröhlich.

 

„Aber hier sollten keine Menschen leben“, beklagt der Monsignore. Das hat auch Christian Solidarity International, CSI Österreich erkannt.

 

Bei einer Besichtigung hat die Hilfsorganisation beschlossen, ein neues Waisenhaus zu finanzieren. 150.000 Euro wurden gespendet. Nach ein paar Monaten konnte nun das Waisenhaus eröffnet werden. „Jetzt dauert es nicht mehr lange und die Kinder können in das neue Haus übersiedeln.

 

Wie ein Dorf sind die Häuser im Halbkreis gebaut worden. Die Kinder können nun endlich draußen spielen und es gibt in jedem Haus einen Duschraum und eine Toilette“, freut sich Obiora Ike, als er auf das fertiggestellte Waisenhaus blickt.

 

Die Kinder dürfen zwei Jahre im Waisenhaus bleiben. Falls bis dahin keine Verwandten gefunden wurden oder sie niemand adoptiert, übernimmt der Staat die Obsorge.       

* Name wurde redaktionell geändert