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08.05.2015

70 Jahre Kriegsende: Schönborn erbittet Vergebung für Judenhass

Denken, Sprechen und Handeln so einrichten, dass die "Macht des Hasses" nie wieder von Österreich Besitz ergreifen kann.

Eine Vergebungsbitte im Blick auf den auch kirchlicherseits geschürten Judenhass, der im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs eskalierte, hat Kardinal Christoph Schönborn bei einem Gedenkgottesdienst 70 Jahre nach Kriegsende formuliert. "Auch die Kirche als Institution muss ihre Mitschuld erkennen an der Aufbereitung eines Klimas der Verachtung und Feindseligkeit der Christen gegenüber jenen Menschen, die sie Jahrhunderte hindurch für den Tod Jesu verantwortlich machte", sagte der Wiener Erzbischof am Freitag, 8. Mai 2015, bei der Feier in der Basilika Kleinmariazell im niederösterreichischen Triestingtal. Dies habe zur Folge gehabt, dass "dann, als es im wahrsten Sinn des Wortes lebens-notwendig gewesen wäre, Mitleid und Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern fehlten".

 

Keine Macht dem Hass

Kardinal Schönborn rief zum entschlossenen Bemühen auf, "unser Denken, Sprechen und Handeln so einzurichten, dass nie wieder die Macht des Hasses, der Menschenverachtung und der Diktatur von uns und unserem Land Besitz ergreifen kann". Nur wenn dies gelinge, "wird das Opfer der geschändeten und ermordeten Schwestern und Brüder nicht umsonst gewesen ein".

"Mit Trauer und Scham" erinnerte Schönborn an den "dunklen Schatten, den der Holocaust, die Shoa, über Europa und damit auch über unsere Heimat Österreich geworfen hat". Er verwies auf die Mahnung des Zweiten Vatikanischen Konzils 20 Jahre nach Weltkriegsende in der Erklärung "Nostra Aetate" über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen: "Wir können Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern." Gerade mit den Juden seien die Christen als "das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamm Abrahams" geistlich für immer verbunden. "In diesem Bewusstsein bitten wir Gott um Vergebung für alles Geschehene", sagte der Kardinal.

 

Trauer und Bedauern

Schönborn nahm auch Bezug auf die am Schauplatz der Gedenkmesse, im Triestingtal, begangenen Bluttaten der Jahre 1944 und 1945. Damals seien ungarische Zwangsarbeiter, Jüdinnen und Juden, Männer, Frauen und Kinder durch das Tal getrieben und ermordet worden. Der Kardinal schloss in das Gedenken ausdrücklich auch alle im Lager Hirtenberg, einem Nebenlager des Konzentrationslagers von Mauthausen, ermordeten Menschen mit ein. "Als Österreicher, Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, stehen wir hier in großer Trauer und wissen: wir können das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen. Wir können es heute nur mehr bedenken und zutiefst bedauern und betrauern."

Mit der Bitte um Vergebung verband der Vorsitzende der Bischofskonferenz auch den Dank an Gott für das "unverdiente Geschenk" des langen Friedens in Europa. Dieser sei seit Kriegsende zwar immer gefährdet und an vielen Orten der Welt immer wieder gebrochen, in Europa aber trotz allem im Großen und Ganzen bewahrt worden.