Wie erklären Sie sich die steigende Popularität Ihrer Genossenschaftsbank Oikocredit?
Friedhelm Boschert: Es kommt einfach in immer mehr Bevölkerungskreisen das Bewusstsein auf, dass man auch mit seiner Geldanlage ethisch verantwortlich umgehen soll, darauf schauen, was passiert mit meinem Geld. Bei der Oikocredit ist bekannt, das Geld findet Verwendung in der Mikrofinanz zur Armutsbekämpfung in der Dritten Welt.
Friedhelm Boschert: Zunächst spricht man überhaupt von einer ethischen Geldveranlagung, wenn sich jemand Gedanken macht, sein Geld in einer bestimmten Art und Weise anzulegen, und sich nicht nur von Zinsen oder Dividende leiten lässt. Das ist der erste Schritt. Damit sind wir immer noch nicht ganz ethisch, sondern es sollte auch zur sozialen Verbesserung der Welt beitragen. Nachhaltigkeit heißt, dass man in jene Bereiche investiert, die eine langfristige Zukunftssicherung ermöglichen und das ist wiederum bei der Mikrofinanz der Fall.
Welche Bedeutung kommt Mikrokrediten zu und warum sind Ihrer Organisation soziale Effekte so wichtig?
Friedhelm Boschert: Mikrokredit war vom Grundgedanken her die Idee, dass man Hilfe zur Selbsthilfe leistet, eine Art Existenzgründungskredit denen gibt, die keinen Bankzugang haben. Es geht nicht nur um wirtschaftliche Einkommensgenerierung, obwohl sie natürlich eine Grundlage für die Verbesserung der Lebensverhältnisse darstellt. Wenn die Kinder nach wie vor auf dem Feld arbeiten, dann haben wir keinen Social Impact. Aber wenn ihnen durch Einkommenssteigerung ermöglicht wird, in die Schule zu gehen, dann haben wir diesen, auch wenn sich die Ernährungssituation oder die Zusammenarbeit im Dorf verbessert.
Was ist Ihr Hauptanliegen für die Entwicklung von Oikocredit Austria?
Friedhelm Boschert: Als Förderverein haben wir eine reine Informationsaufgabe. Erstes Ziel ist eigentlich, dass wir mehr Mitglieder gewinnen. Da geht es in erster Linie nicht um die Steigerung des gezeichneten Kapitals. Aber je mehr Mitglieder wir erreichen, desto mehr wird die Idee von Oikocredit in die Öffentlichkeit transportiert. Für die Zukunft werden wir uns sicherlich noch mehr Gedanken machen müssen, welche Aufgaben der Förderverein vielleicht noch übernehmen kann, vielleicht im Bereich der Freiwilligenvermittlung.
Geht das ethische Investment auf Kosten der Rendite?
Friedhelm Boschert: Da gibt es zwei Meinungen dazu, beide sind belegbar. Ich würde mich einfach einmal nicht festlegen, weil es immer davon abhängt, wo investiert wird. Es muss aber nicht zwangsläufig mit einer niedrigeren Rendite in Verbindung stehen. Der Anleger selbst schaut oft nicht auf Renditemaximierung, das sieht man sehr deutlich. Fast die Hälfte unserer Mitglieder verzichtet freiwillig auf die Dividende und spendet. Sie haben aus ihrer Sicht eine Nullrendite, obwohl natürlich die Oikocredit zwei Prozent Dividende bezahlt.
Angesichts der Finanzkrise und Wirtschaftskrise: Ist das neoliberale Wirtschaftsmodell gescheitert?
Friedhelm Boschert: Man muss einfach sehen, dass dieses Wirtschaftsmodell nichts oder weniger dazu beigetragen hat, die Lebenssituation der Menschen in breiter Hinsicht zu verändern. Es ist eine Ungleichheit in Vermögen und Einkommen entstanden. Deshalb meine ich, ist dieses Wirtschaftsmodell in der klassischen Ausprägung, wie es in Amerika und in England vor allem praktiziert worden ist, gescheitert. Wir haben bei uns zwar eine etwas abgemilderte Version, die soziale Marktwirtschaft. Aber auch hier sehen wir ganz klar ein extremes Auseinanderklaffen von Einkommen und Vermögen. Ausgehend vom angloamerikanischen Raum war seit Mitte der Achtzigerjahre weltweit Deregulierung und ungehemmtes Marktwalten angesagt. Die Hauptaufgabe eines Managers in den letzten 30 Jahren war es, den Shareholder Value, sprich Unternehmens- oder Aktienwert, zu steigern.
Sie sprechen im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise von einer Krise der Führung.
Friedhelm Boschert: An was orientiert sich denn ein Manager nun? An der Rendite, die unzweifelhaft wichtig ist und die ich gar nicht verleugnen möchte. Aber jetzt ist als Alternative das Stakeholder-Modell wieder gefragt. Die eigentliche Aufgabe der Führung ist es, dass ein Führender legitime Interessen aller Stakeholder wie z. B. Belegschaft, Umwelt, Gemeinde, Kunden usw. ausgleichen muss. Das haben noch nicht alle Führenden oder sehr wenige verstanden. Viele müssen erst lernen, mit anderen Sichtweisen umgehen zu können.
Was bedeutet "Wer sich selbst führen kann, der kann auch andere führen"?
Friedhelm Boschert: In den letzten 10 bis 20 Jahren war Führung sehr nach außen orientiert, immer in Bezug auf den anderen. Dieser Spruch leicht abgewandelt geht zurück auf den Manager-Philosophen Peter Drucker. Jeder muss erstmals bei sich selber anfangen und erst nachher bei den anderen. Otto Scharmer vom MIT in Boston hat das als "blind spot of leadership" bezeichnet, dass die Führenden zwar wissen, wie und warum sie managen, aber sie sind sich der persönlichen Beweggründe überhaupt nicht im Klaren – und das ist eigentlich oft das Problem der Führung heute.