Nur wenn die Kirchen Europas vom reichen Schatz der Weltkirche lernen, werden sie in Zukunft in der Lage sein, mit den gegenwärtigen Veränderungen in Kirche und Gesellschaft Schritt zu halten. Das war der Tenor auf dem ersten diözesanen Weltkirche-Treffen "Encuentro", das am Samstag, 30. Mai 2015 im Wiener Don-Bosco-Haus stattgefunden hat.
Unter dem Thema "Auf neue Weise Kirche sein - Inspirationen aus Süd und Nord für lebendige Gemeinden von morgen" fanden zahlreiche Diskussionen, Workshops und Vorträge statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Referat für Weltkirche, Mission und Entwicklungsförderung gemeinsam mit dem Pastoralamt der Erzdiözese Wien.
Der ehemalige Diözesandirektor von Missio-Wien, Herbert Leuthner, berichtete aus seinem reichen Erfahrungsschatz nach 30 Jahren Missionsarbeit in Ecuador. Für Leuthner könnten sich die europäischen Ortskirchen einiges von den Ortskirchen Südamerikas abschauen, insbesondere was die Einbeziehung der kirchlichen Basis betrifft. Die Umsetzung der Idee der "missionarischen Jüngerschaft" würde in Südamerika den Ausschlag geben, denn ohne sie würde die Evangelisierung in den Riesenpfarren gar nicht funktionieren. Dadurch gebe es aber auch eine Entwicklung weg von einer "Zweiklassenkirche" mit der klaren Trennung von Lehrenden und Belehrten hin zu einem echten gemeinsamen Priestertum. Dies wünsche er sich auch verstärkt in Europa, so Leuthner. Der starke Fokus in Südamerika liege aber weiterhin auf der Armutsbekämpfung. Deswegen müsse die soziale Dimension der Evangelisation immer mitbedacht werden. Dabei sei es wichtig, nicht in Belehrungen und Mitleid im kolonialen Stil abzudriften, sondern vielmehr den Dialog auf Augenhöhe zu suchen, betonte Leuthner.
Für die Wiener Pastoralamtsleiterin Veronika Prüller-Jagenteufel waren Reisen in die Weltkirche immer ein "wesentlicher Wendepunkt" im Leben. Die Konfrontation mit Armut und Ungerechtigkeit sei außerdem in vielerlei Hinsicht heilsam, da eigene Probleme dadurch oftmals klein erscheinen. Die Weltkirche zeige aber auch, dass Freude und Ernsthaftigkeit keinen Widerspruch darstellten. Es sei so, dass viele Menschen in Not extreme Kraft aus ihrem Glauben schöpfen könnten. Die Theologin würdigte den befreiungstheologischen Ansatz der "Option für die Armen". Sie frage sich oft, wie eigentlich die Armen in den österreichischen Pfarrgemeinden repräsentiert werden. "Ich habe den Eindruck, arme Menschen sind in österreichischen Gemeinden nur Objekte karitativer Tätigkeiten. Dabei müssten sie eine zentrale Rolle einnehmen", so Prüller-Jagenteufel.
Für die Leiterin der "Stabstelle APG", Andrea Geiger, muss auch in Österreich wieder vermehrt die Freude und Hingabe bei der Glaubensvermittlung im Vordergrund stehen. "Das können wir uns in vielen Teilen der Weltkirche abschauen." In Österreich müsse auch vermehrt gefragt werden, "warum wir denn überhaupt Mitglied der Kirche sind". "Wir sind alle von Gott herausgerufen, aber Christ sein geht nicht alleine", schloss Geiger.