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15.06.2015

„Immer weniger haben immer mehr“

Interview mit Thomas Bauer über den Reichtum Brasiliens

DER SONNTAG: Was war die Ausgangssituation, als Sie nach Brasilien kamen?

 

Thomas Bauer: Wir von der Landpastoralkommission haben Bauern geholfen, deren Vorfahren seinerzeit Land weggenommen wurde, über die Agrarreform wieder zu Grund und Boden zu gelangen.

 

Diese in der Verfassung verankerte Reform sieht vor, wenn Land ab einer Größe von  900 Hektar für fünf Jahre brachliegt, auf diesem Land illegal gerodet wird oder Sklavenarbeit vorherrscht und aufgedeckt wird, dann hätte der Staat die Möglichkeit, dieses Land zu enteignen und den Bauern zurückzugeben.

 

Praktisch ist es so, dass dies nur gelingt, wenn diese bewusst dieses Gebiet besetzen, den Konflikt auslösen und  somit erreichen, dass das Regierungsinstitut dieses Land begutachtet und es in weiterer Folge zur Enteignung kommt. Und das kann sehr viele Jahre dauern.

Der ehemalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat gesagt, die Agrarreform soll vorangetrieben werden. Ist da nichts gelungen?

 

Thomas Bauer:  Seit Lula an der Macht war und jetzt unter seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff ist die Agrarreform praktisch zum Stillstand gekommen.

 

Wir sehen einen starken Zusammenhang mit der politischen und wirtschaftlichen Linie, die Lula eingeschlagen hat: Er wollte so billig wie möglich viele Rohstoffe aus dem Land exportieren.

 

Wir wissen auch von früher, dass selbst in seiner Arbeiterpartei die Meinung vorherrschte, dass die Agrarreform als keine Notwendigkeit für das Land Brasilien, sondern ausschließlich als Lösung für große soziale Probleme in Gebieten, wo Spannung vorherrscht, gesehen wurde.

 

Sie sollte nicht die Umstrukturierung des Landes fördern.

Wurde den Armen anders geholfen?

 

Thomas Bauer: Lula erreichte, dass ein Teil von den Devisen aus dem Export für soziale Programme zur Verfügung steht.

 

Die ärmste Bevölkerung hat heute bessere Voraussetzungen. Die Menschen wurden allerdings hauptsächlich als Konsumenten eingebunden.

 

Im Bereich Bildung ist wenig passiert, kaum neue Arbeitsplätze sind entstanden. Die exportorientierte Agrarindustrie benötigt einen Arbeitsplatz auf 100 Hektar, eine Familie von Kleinbauern mit 10 Hektar bringt es auf fünf bis sechs Arbeitsplätze.

 

Der absolute Reichtum Brasiliens wurde strukturell nicht verhindert bzw. hat sich noch mehr konzentriert. Es sind immer weniger, die immer mehr Rohstoffe zur Verfügung haben oder Land und Kapital besitzen.

Wovon leben die Menschen, die Sie vertreten?

 

Thomas Bauer: Es sind traditionelle Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben, aber auch die lokalen Märkte mit Nahrungsmittel versorgen.

 

Mit der Veröffentlichung der letzten landwirtschaftlichen Volkszählung musste die Regierung zugeben, dass sie das, was sie der brasilianischen Bevölkerung verkaufen wollte, nicht der Wahrheit entsprach.

 

Sie behauptete, dass die Expansion der  Agrarindustrie notwendig sei, um die Grundnahrungsmittel zu produzieren und die Ernährungssicherheit herzustellen.

 

Tatsächlich werden 70 Prozent des Essens, das in Brasilien auf den Tisch kommt, von den Kleinbauern produziert und nicht von der Agrarindustrie. Denn diese pflanzt hauptsächlich auf ihren Monokulturplantagen Kulturen an, die in den Export gehen.

Wo gibt es so viel Ertrag für den Export?

 

Thomas Bauer: In den letzten Jahren wird hauptsächlich Soja für Futtermittel forciert.  80 Prozent der gesamten Soja-Produktion aus Brasilien wird weiterverarbeitet und zum großen Teil nach Europa exportiert.

 

Zusätzlich kommt Zuckerrohr dazu: nicht für die Zuckerproduktion, sondern für die Produktion von Ethanol.

 

Das Europäische Parlament hat vor kurzem beschlossen, dass sieben Prozent Alkohol zum Treibstoff gemischt werden sollen. Davon verspricht man sich einen geringeren Ausstoß von Kohlendioxid. Wenn die Nachfrage an diesen Produkten steigt, werden auch in Brasilien und in anderen Ländern diese Pflanzen verstärkt angebaut. Das führt dann wieder zu Landraub und Vertreibung.


Vor einem Jahr fand  in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft statt. Es gab und gibt sehr viele kritische Stimmen bezüglich Kosten und Nachnutzung.

 

Thomas Bauer: Die brasilianische Zivilgesellschaft wollte die Fußball-WM nicht verhindern, sie wollte auch nicht negativ gegenüber den Touristen auftreten.

 

Sie hinterfragte, wie die FIFA in Brasilien gehandelt, wie sie Gesetze, die in der Verfassung verankert sind, umgangen und praktisch eine parallele Struktur geschaffen hat für eine Fußballweltmeisterschaft, die mehr Geld eingebracht hat als jede Weltmeisterschaft zuvor.


Was bleibt in Brasilien jetzt nach einem Jahr? Sechs dieser zwölf Stadien zahlen sich nicht aus und verzeichnen ein Defizit.

Ist zu erwarten, dass auch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im nächsten Jahr ein großer internationaler Einzelevent werden und dann ist alles vorbei?

 

Thomas Bauer: In Rio werden neue Sportstätten gebaut. Diese werden sicher im ersten Moment hoffentlich auch den Sportlern zur Verfügung stehen.

 

Die Spiele werden wahrscheinlich keinen nationalen Charakter haben wie die Fußball-WM mit ihren zwölf Austragungsorten.

 

Brasilien ist ein so großes Land,  für die meisten Bevölkerungsteile ist dieses Ereignis in Rio weit weg.