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18.06.2015

Die tiefe Suche nach Frieden

Interview mit Militärbischof Werner Freistetter über sein Amt

DER SONNTAG: Herr Bischof, Sie sind im Umfeld von Kasernen groß geworden?


Werner Freistetter: Das stimmt. In Graz-Wetzelsdorf in der Belgier-Kaserne. Dort haben wir, neben der Kompanie, die mein Vater befehligt hat, gewohnt. Später ging es in die Burstyn-Kaserne nach Zwölfaxing. Seitdem waren wir, meine Eltern, mein Bruder und ich, dort wohnhaft.

Ihr Vater war Offizier, wäre nicht eine militärische Laufbahn für Sie geebnet gewesen?


Werner Freistetter: Mein Vater hat mich nie in diese Richtung gedrängt. Er war immer der Meinung, ich soll jenen Berufsweg einschlagen, der mir entspricht, und den ich gerne einschlagen möchte.

 

Er hat mich auch sehr unterstützt bei meiner Entscheidung, Priester zu werden. Ich habe mich als Einjährig-Freiwilliger zur Reserveoffiziersausbildung gemeldet, die ich 1972/73 in der Panzertruppenschule in Zwölfaxing absolviert habe.

Wie kam es zum Wunsch, Priester zu werden?

 

Werner Freistetter: Der Wunsch hat mich begleitet, seit ich ein kleiner Bub war. Es hat mich fasziniert. Immer wenn ich gefragt wurde, was ich werden will, habe ich gesagt, Priester, nie Schaffner, oder Astronaut wie die anderen.

 

Es ist vielleicht auch durch die Erfahrungen gekommen, die ich durch meine Mutter gemacht habe, die eine sehr religiöse Frau war. Sie stammte aus Mauthausen.

 

In der Pubertät hat es eine Entscheidungskrise gegeben. Da haben sich dann die Fragen gestellt: Wie wird das, wie geht das, kann ich das? Ich habe nach der Matura das Einjährig-Freiwilligen-Jahr genutzt, um mir klar zu werden.

 

Dort habe ich dann eines gelernt, das mir sehr geholfen hat, Entscheidungen zu treffen, unter unsicheren Umständen: Ich bin immer von der Idee ausgegangen, wenn ich mich auf diesem Weg dafür entscheide, dass Gott mich jetzt haben will als Priester, dann muss ich mir 100-prozentig sicher sein.

 

Beim Bundesheer habe ich gelernt, Entscheidungen ohne 100-prozentige Sicherheit zu treffen. Irgendwie hat mir das geholfen.

Ihr erster internationaler Einsatz ging 1984/85 als Militärgeistlicher auf den Golan.  Hat es Sie  gereizt, aufgrund Ihres familiären Hintergrundes in der Militärseelsorge mitzuarbeiten?

 

Werner Freistetter: Ich bin nach meiner Priesterweihe gleich nebenamtlich im Milizbereich des Bundesheeres als Seelsorger übernommen worden.

 

Das hat mich immer interessiert. Ich habe auf eine solche Gelegenheit gewartet. Es wurden neun Monate auf den Golanhöhen. Diese Zeit war außerordentlich prägend für mich.

 

Der Golan war für uns Seelsorger natürlich das Einsatzgebiet durch die Nähe zum Heiligen Land. Auch durch die Erfahrungen, die man bei Fahrten zu den Heiligen Stätten machen konnte, die es zu organisieren galt.

Sie waren später auch in Bosnien wie auch im Libanon als Militärgeistlicher im Einsatz. Was ist da seelsorglich gefragt?

 

Werner Freistetter: Die Soldaten bewegt ihr militärischer Alltag. Es geht um die Gestaltung des Lebens in diesem Einsatz.

 

In der Militärseelsorge geht es dabei einfach einmal darum, da zu sein. Mitzuleben mit den Soldaten und mit ihnen ins Gespräch kommen. Wenn man sich für die Menschen interessiert, ist das nicht schwierig.

 

Die Vorurteile, die es vielleicht von Menschen gibt, die seit Jahren wieder mit einem Priester in Kontakt kommen, sind einfach da. In jedem Kontingent gibt es auch Soldaten, die der Kirche nahe stehen. Die sind sehr froh darüber, dass ein Seelsorger da ist. Die sind dann auch das erste Netz, das gespannt wird.


Warum ist es wichtig, dass es für das Militär eine eigene Diözese in Österreich gibt?

 

Werner Freistetter: Man macht sich so die Vorstellung einer territorialen und räumlichen Wirklichkeit.

 

Eine Kaserne ist nicht einfach eine Pfarre. Das ist ein Ort, an dem Soldaten wohnen und ausgebildet werden und von dem aus sie ihre Einsätze durchführen. Das Bundesheer ist eine bundesweit übergreifende Organisation.

 

Eine Aufteilung, das man Kasernen zu Territorialdiözesen dazuschlägt, ist einfach nicht sinnvoll. Das entspricht nicht der Organisation, für die hier Seelsorge angeboten und durchgeführt werden soll.

 

Eine eigene Soldatenseelsorge ist seit Jahrhunderten üblich. Die Frage eines eigenen Bischofs ist eine interessante. Papst Johannes Paul II. hat mit der Schaffung eines eigenen Bischofs die Militärseelsorge gestärkt.

 

Ein eigener Bischof hat für die Seelsorge, dem Verhältnis zum Staat, wie auch den Mitbrüdern im Bischofsamt, viele Vorteile.

Wird Frieden nicht vorausgesetzt, oder ist der Wert von Frieden der Gesellschaft schon abhanden gekommen?

 

Werner Freistetter: Eine der Erfahrungen, die ich mit Soldaten im Auslandseinsatz gemacht habe, war jene, wie schön es doch ist, in Österreich zu leben. Das hat sich in vielen Gesprächen gezeigt. In Bosnien-Herzegowina gibt es wunderschöne Landschaften, die einen an Almen in der Steiermark erinnern.

 

Die Soldaten haben gesagt: Eigentlich verstehen und werten wir es gar nicht mehr, was es bedeutet, dass es bei uns Frieden gibt.

 

Das beginnt schon bei der einfachen Tatsache, dass man bei uns in jede Wiese gehen kann, ohne befürchten zu müssen, auf Minen zu treten. Die tief ins Alltagsleben hineingreifende Hinterlassenschaft des Krieges und die Gefährdung, die da für Jahrzehnte bleibt. Unsere Soldaten macht diese Erfahrung sensibler für den Wert eines Lebens in Frieden.