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02.07.2015

Wirtschaftsfaktor Kirche - Kirche und Geld: erste Gesamtschau

Die katholische Kirche in Österreich bringt der Allgemeinheit viel mehr als sie kostet.

Als die „Initiative gegen Kirchenprivilegien“ im Jahr 2013 ihr Volksbegehren startete und behauptete, die Kirchen würden vom Staat viel zu viel Geld erhalten, hatte die katholische Kirche in Österreich ein Problem: Sie konnte den Vorwurf nicht ohne Weiteres entkräften, denn sie wusste gar nicht, wieviel sie vom Staat erhält – und vor allem auch nicht, wieviel sie wieder an die Gesellschaft zurückgibt.

 

Denn „die“ Kirche als Subventionsempfänger oder als Leistungsträger gibt es nicht. Es gibt nur mehrere tausend unabhängige und überlappende Rechtsträger – Diözesen, Pfarren, Orden, Spitäler, Institute, Schulen, Caritas... –, die keine gemeinsamen Bücher führen. Eine Gesamtschau gab es also nicht.


Das Volksbegehren wurde zwar dann mit nur 56.660 Unterschriften (0,89 Prozent der Wahlberechtigten) das erfolgloseste der österreichischen Geschichte. Aber das Interesse war geweckt – und zwar inmitten der Kirche selbst. Darum gaben die Finanzchefs der österreichischen Diözesen und die Ordensgemeinschaften zwei ausgewiesenen, fachkundigen, von der Kirche unabhängigen Instituten den Auftrag, die Bedeutung der Kirche als Wirtschaftsfaktor und damit auch für die, die nicht dazugehören, wissenschaftlich zu erheben.

 

So haben sich das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien und die Joanneum Research Forschungsgesellschaft in Graz zwei Jahre lang in die Materie vertieft. Herausgekommen ist ein 196 Seiten starker Bericht, international der erste seiner Art.

 


Fazit: Die katholische Kirche ist in Österreich ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor. In ihren diversen Sektoren – Sakrales, Soziales, Kultur, Gesundheit, Internationale Entwicklung und Güterverwaltung – beschäftigt die Kirche direkt 101.721 Personen (von denen allerdings nicht alle Vollzeit arbeiten). Weitere 55.853 Arbeitsplätze schafft die Kirche bei Zulieferern, Auftragnehmern usw. Zusammen sind das fast vier Prozent aller österreichischen Arbeitsplätze.

 

Die Leistungen, die die Kirche und ihr Umfeld im Jahr 2012 erbracht haben, haben insgesamt 5,91 Milliarden Euro gekostet. Dieses Geld kommt von verschiedenen Seiten. Die Kirche als Institution wendet aus ihren Einnahmen 1,56 Milliarden Euro auf. Die Gläubigen selber steuern über Kirchenbetrag, Spenden, Aufwendungen bei Taufe, Erstkommunion oder Firmung u. ä.  873 Millionen Euro bei. Der größte Anteil kommt vom Staat. Er kauft um 2,84 Milliarden Euro Leistungen bei kirchlichen Organisationen ein, die ihm die katholische Kirche anbietet – darunter fallen etwa die Lehrergehälter in kirchlichen Schulen, die über Verträge geregelten Leistungen der Caritas bei Obdachlosen- oder Flüchtlingsbetreuung und die Dienste der Krankenanstalten.


Diesen Zahlungen der öffentlichen Hand stehen also genau definierte Leistungen der Kirche für die Allgemeinheit gegenüber. Anders ist es mit der letzten Kostenkategorie, öffentlichen Subventionen und allgemeinen Zuwendungen – wo der Staat also kirchliches Leben fördert. Das sind in erster Linie die Gehälter für Religionslehrer, die Steuerabsetzbeträge beim Kirchenbeitrag und die Denkmalschutzförderungen. Sie summieren sich auf 643 Millionen Euro.


Alles zusammen werden mit diesen Kosten von 5,91 Milliarden Euro Leistungen erbracht, die die Experten mit 8,49 Milliarden Euro angeben. Das sind 6,65 Milliarden Euro „echte“ Wertschöpfungung – womit jeder 42. Euro in Österreich im Umfeld der Kirche erwirtschaftet wird – plus Mehrwertsteuer von 1,17 Milliarden plus die Leistungen der ehrenamtlichen Arbeit auf Pfarr- und Ordensebene, die insgesamt  578 Millionen Euro wert sind.


Der Staat zahlt an die Kirche im Jahr also rund 3,48 Milliarden Euro. Aus der Wirtschaftstätigkeit der Kirche fließen davon aber wieder 3,35 Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben an den Staat  zurück. Für die öffentliche Hand bleibt also sozusagen eine „Nettosubvention“ von 130 Millionen Euro. Dafür erhält die Gesellschaft aber Leistungen, die 6,65 Milliarden Euro wert sind. Dabei sind monetär nicht bezifferbare Effekte noch gar nicht eingerechnet wie etwa die Förderung des sozialen Zusammenhalts.


Franz Prettenthaler, einer der Studienautoren: „Betrachtet man die umfangreichen Leistungen der Kirche für die Öffentlichkeit (37.000 betreute Kinder, 71.000 Schülerinnen und Schüler, 47.000 Spitalsbetten, 13.500 denkmalgeschützte Objekte), so erscheinen die 130 Millionen Euro Nettozuschuss der öffentlichen Hand für die gesamten kirchlichen Aktivitäten als vergleichsweise gering.“


Die größten Bereiche kirchlicher Wirtschaftstätigkeit sind übrigens Soziales sowie Gesundheit und Pflege. Die Bewirtschaftung eigener Liegenschaften und Betriebe mit einer Bruttowertschöpfung von 314 Millionen Euro und 5240 Beschäftigten ist demgegenüber relativ klein.