Seit einem Jahr bietet die Männerberatung kostenfreie und anonyme Beratung für Männer, die haupt- oder ehrenamtlich in der Kirche arbeiten, an. Inhaltliche Schwerpunkte dabei sind die Themen Macht bzw. Machtmissbrauch und Sexualität, also Umgang mit Verliebtheit, sexuelle Übergriffe sowie Pädosexualität. Aber auch oft unbewusste Grenzüberschreitungen rund um Nähe bzw. Distanzlosigkeit können zur Sprache kommen.
Genutzt wird dieses Angebot laut der Leiterin der "Stabsstelle für Missbrauchs- und Gewaltprävention, Kinder- und Jugendschutz" in der Erzdiözese Wien, Martina Greiner-Lebenbauer, bisher noch sehr wenig - und das trotz ausdrücklicher werbender Empfehlung durch Kardinal Christoph Schönborn, etwa bei Priestertagen. Das bedauerte die Theologin und Gestaltpädagogin im Gespräch mit "Kathpress", und sie unterstrich die Niederschwelligkeit: Die Kontaktaufnahme der Interessenten erfolgt direkt bei der kirchenunabhängigen Männerberatung in der Wiener Erlachgasse 95/5. Für die Erzdiözese bleiben die Beratenen anonym, sie trägt jedoch die Kosten für bis zu fünf Beratungsgespräche. Interessierte müssen bei der Kontaktaufnahme nur auf das "Angebot der Erzdiözese Wien" hinweisen. Die Kooperation mit der Männerberatung ist in Österreich ein Novum, wies Greiner-Lebenbauer hin.
Ungewöhnlich und "ganz besonders wichtig" ist der Leiterin der kirchlichen Anlaufstelle die Benennung von Pädosexualität. "Männer mit dieser Veranlagung finden meist keine hilfreiche Unterstützung und sind mit ihrem Problem sehr oft allein gelassen", weiß Greiner-Lebenbauer. "Diese zu unterstützen, nicht Täter zu werden, ist ein wichtiges Ziel."
Der 2010 ausgebrochene kirchliche Missbrauchsskandal habe zu deutlichen Verbesserungen bei der Aus- und Weiterbildung kirchlich Bediensteter geführt, berichtete die selbst in vielen Veranstaltungen bewusstseinsbildend tätige Fachfrau. Auch in Einzeltherapien und Supervisionen werde das Thema Missbrauch und Gewalt aufgegriffen. Freilich gebe es bei manchen auch eine stärkere Angst davor, im Umgang mit Untergebenen oder Minderjährigen "Fehler zu machen" und dann womöglich zum Ziel von Anzeigen oder Verleumdungen zu werden. Dies verstärke die Hemmschwelle bei einem ohnehin heiklen Thema.
Mit dem Folder "Red ma drüber!" will die Stabsstelle der Erzdiözese Wien Mut zu Beratungsgesprächen machen, sagte Greiner-Lebenbauer. Der Wunsch nach Unterstützung könne z.B. entstehen, wenn Männer im Kirchendienst "unsicher im Umgang mit Nähe und Distanz" sind, "in vertrauensvollen Seelsorgegesprächen die professionelle Distanz verlieren", an sich selbst "(subtile) Formen von Gewaltausübung wahrnehmen", "aufgrund einer Verliebtheit die Fassung verlieren", über ihre sexuelle Identität oder Orientierung reden möchten oder sich "sexuell zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen" fühlen.