Bei seiner Südamerika-Reise hat Papst Franziskus die Zerstörung der Regenwälder im Amazonasgebiet angeprangert. Die Nutzung der natürlichen Ressourcen dürfe "nicht nur den unmittelbaren Profit suchen", sagte der Papst am Dienstagabend, 7. Juli 2015 (Ortszeit; Mittwochfrüh österreichischer Zeit) vor führenden Vertretern des öffentlichen Lebens in Ecuadors Hauptstadt Quito. Die Länder des Amazonasgebietes müssten "eine ganzheitliche Ökologie" praktizieren, so Franziskus in einer großen Rede in der Kirche San Francisco.
Der Regenwald macht gut 40 Prozent der Fläche Ecuadors aus. Der linksgerichtete Staatspräsident Rafael Correa setzt sich trotz Protesten der örtlichen indigenen Bevölkerung für die Erdölförderung im Amazonasgebiet ein. In einem Interview rechtfertigte er diese Strategie unlängst mit dem Hinweis auf die verbreitete Armut in Ecuador. Um sie zu überwinden, sei auch die Förderung der Rohstoffe unerlässlich.
Franziskus betonte in seiner Ansprache, das Amazonasgebiet gehöre zu den artenreichsten Zonen der Erde und habe eine enorme Bedeutung für das weltweite Ökosystem. Dieser Reichtum müsse für die gesamte Gesellschaft und die kommenden Generationen erhalten bleiben. Franziskus nannte dabei ausdrücklich die "Schwestern und Brüder aus den Völkern der Ureinwohner".
Weiter sagte er: "Wir haben die Welt als Erbe von unseren Vätern erhalten, aber auch als Leihgabe von den künftigen Generationen, denen wir sie zurückgeben müssen". Bereits in seiner Mitte Juni erschienenen Umwelt-Enzyklika "Laudato si" hatte Franziskus die Zerstörung der Regenwälder im Amazonasgebiet kritisiert.
Zugleich forderte der Papst in seiner Rede eine bessere Integration der indigenen Bevölkerung sowie der afrikanisch-stämmigen Ecuadorianer. In einer wirklichen Demokratie seien alle sozialen Kräfte für den Dialog unentbehrlich. Die Wahrheit könne nicht aufgezwungen werden. Sie müsse "aufrichtig und mit kritischem Geist gesucht werden". Staatliche Gesetze und Normen sowie gesellschaftliche Projekte, so forderte Franziskus weiter, müssten für eine Eingliederung dieser Minderheiten sorgen und Räume des Dialogs öffnen. Jede Art von Unterdrückung, maßloser Kontrolle und Beeinträchtigung der Freiheit müssten der Vergangenheit angehören.
Vor der großen Rede in der Kirche San Francisco wandte sich Franziskus in der Päpstlichen katholischen Universität von Quito an Wissenschaftler und Studierende. Dabei forderte er eine Erziehung der Schüler und Studenten zu kritischem Denken und sozialer Verantwortung. Es genüge nicht, zu analysieren und die Wirklichkeit zu beschreiben, sagte der Papst am Dienstagabend in der von Jesuiten geleiteten Universität. Es brauche "Orte authentischer Forschung sowie Diskussionsforen, die Alternativen zu den bestehenden Problemen entwickeln".
Ein Universitätsabschluss dürfe nicht nur mit einem höheren Status, Geld und Sozialprestige in Verbindung gebracht werden, mahnte Franziskus. Er sei vielmehr als "Zeichen größerer Verantwortung" gegenüber den Herausforderungen von heute zu begreifen, vor allem der Sorge für die Ärmsten und den Einsatz gegen Umweltzerstörung. Die Bewahrung der Schöpfung sei heute nicht mehr nur eine bloße Empfehlung, sondern ein dringendes Erfordernis.
Weiter sagte der 78-Jährige, die Zeit des Studiums sei nicht nur ein Recht, sondern auch ein Privileg. Studierende müssten sich daher stets fragen, in welchem Maß ihnen ihr Studium helfe, sich mit denen zu solidarisieren, denen ein Studium verwehrt ist.
Wie in den meisten Ländern Lateinamerikas spielt die katholische Kirche auch in Ecuador eine wichtige Rolle im Bildungssektor. Landesweit gibt es 1.459 katholische Kindergärten, Schulen, Seminare und Hochschulen. An der 1946 gegründeten Päpstlichen Universität in Quito studieren rund 30.000 junge Menschen an 14 Fakultäten. Unter ihnen sind traditionell viele Söhne und Töchter aus Familien der höheren und mittleren Gesellschaftsschichten.
Am Mittwoch 19 Uhr österreichischer Zeit (12 Uhr Ortszeit) reist Franziskus nach Bolivien weiter. Es ist die zweite Station seiner einwöchigen Südamerika-Reise. Hier trifft er mit dem indigenen linken Staatspräsidenten Evo Morales zusammen. In der Stadt Santa Cruz de la Sierra stehen bis Freitag eine große Messe unter freiem Himmel, eine Rede beim Zweiten Welttreffen der Volksbewegungen sowie ein Besuch der berüchtigten Gefangenensiedlung "Palmasola" auf dem Programm. Letzte Station der Reise ist von Freitag bis Sonntag Paraguay. Dort werden nach Angaben des örtlichen Wetterdienstes teils heftige Regenfälle erwartet. Der Papst besucht dort das Elendsviertel Banado Norte, das besonders von Überschwemmungen durch Starkregen betroffen ist.