"Gerd Bacher war ein Mann, der über die Grundfragen des menschlichen Lebens sehr viel nachgedacht hat" - auch über religiöse Fragen: Wie der Salzburger Domdechant Hans Walter Vavrovsky in seiner Predigt beim Requiem für den verstorbenen früheren ORF-Generalintendanten am Dienstag, 14. Juli 2015 im Stephansdom sagte, wolle er "nicht der Verlockung verfallen, einen gläubigen Menschen aus ihm zu machen. Das würde Gerd Bacher bestimmt von sich weisen", der sich mehrfach zu seinem Agnostizismus bekannte und zugleich Wertschätzung für die Kirche bekundete. Zugleich erinnerte der mit dem in Salzburg lebenden Bacher gut bekannte Domdechant an das Kreuz, das in Bachers Haus am Salzburger Nonnberg an zentraler Stelle hängt. "Es hatte offenbar auch für ihn eine Bedeutung."
Und mehr noch: Am Ende seines Lebens habe Bacher, der an eine Auferstehung nicht glauben konnte und nicht zuletzt wegen der Theodizee-Frage an Gottes Existenz zweifelte, auch die Bereitschaft gezeigt, "das Angebot der Kirche nach Tröstung und Vorbereitung auf ein unbekanntes Ziel hin anzunehmen", so Vavrovsky. Gerade Gerd Bacher, "dieser große 'Macher'", habe angesichts der todbringenden Ideologien des 20. Jahrhunderts genau gewusst, dass es nichts Schlimmeres gibt als die Verlockung des Menschen, selbst "Gott" zu spielen. Und er habe gewusst, "dass bei aller Macht und Stärke immer noch ein Blick nach Oben frei bleiben muss".
So wie Christus am Kreuz sind die Menschen letztlich zwischen den beiden Balken eingespannt, sagte Vavrovsky: "Jenem, der nach oben deutet. Und jenem anderen, waagrechten, der uns auf den Mitmenschen verweist; auf den 'Nachbarn in Not', dem der ORF unter Bachers Leitung immer wieder ein 'Licht ins Dunkel' geschickt hat - um nur an zwei der großen sozialen Errungenschaften seiner Ära zu erinnern." Es sei ein unbestreitbares Verdienst des früheren ORF-Chefs, im staatlichen Rundfunk "ein enormes Angebot an religiöser Information und Glaubensvollzug von höchster journalistischer Anständigkeit" geschaffen zu haben. Dies sei heute - wie ein Blick über die Grenzen des ORF und Österreichs hinaus zeige - "längst keine Selbstverständlichkeit mehr", so der Salzburger Domdechant. Wie kein Zweiter habe Bacher die Möglichkeiten der "größten Medienorgel" des Landes auch dazu genützt, "um Beidem - dem Balken des Kreuzes nach oben und jenem zum Mitmenschen -, einen zuvor nicht gekannten Platz zu geben".
Ein Wort des unvergessenen Kardinals Franz König sei "wie für Gerd Bacher geschrieben", sagte Vavrovsky weiter: "Eine Kirche, die nur die religiösen Athleten zu ihrer Gemeinschaft zulässt, wäre nicht die Kirche Jesu Christi. Es gibt viele Menschen, in denen das Religiöse nur langsam heranreift. Das Credo der Kirche kommt ihnen nicht leicht von den Lippen. Sie haben keine Verbindung zur religiösen Gemeinschaft, man sieht sie selten in der Kirche. Es sieht so aus, als hätten sie keine besondere Bedeutung für die Kirche. Und doch geht von ihnen viel Gutes aus!".
Zum Requiem für den am 27. Juni verstorbenen, herausragenden Journalisten waren zahlreiche Wegbegleiter in den Stephansdom gekommen; u.a. Hugo Portisch, Kurt Bergmann und Heinz Nußbaumer sowie der jetzige ORF-Chef Alexander Wrabetz. Die Politik wurde u.a. von Justizminister Wolfgang Brandtstetter und dem Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer vertreten. Weitere Trauergäste waren der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol und Altbundeskanzler Wolfgang Schüssel.
Am Dienstagnachmittag übertrug der ORF die Trauerfeierlichkeiten mit der von Dompfarrer Anton Faber geleiteten Einsegnung Bachers aus der Dr.-Karl-Lueger-Kirche am Wiener Zentralfriedhof. U.a. nahmen dabei Bundespräsident Heinz Fischer, Bachers Nachfolger als ORF-Chef, Alexander Wrabetz, der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Allroundkünstler André Heller in persönlichen Ansprachen Abschied von Gerd Bacher.