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Für eine Kommunikation auf Augenhöhe
© Kathbild.at/Rupprecht

"Mission geschieht aus der Bruchstückhaftigkeit unserer Existenz heraus und ist keine ausgefeilte Praxis", sagt Theologe Martin Jäggle im Interview mit "thema kirche".

Univ.-Prof. Dr. Martin Jäggle ist Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Im Vorfeld der Diözesanmissions-Woche nach Pfingsten sprach er mit "thema kirche" über das Verständnis von Mission heute als "Kommunikation des Evangeliums auf Augenhöhe". Verkündigung sei immer ein personales Geschehen, betont der Theologe.

Wie sehen Sie die bevorstehende Diözesanmission?

Ich finde es angemessen, dass Pfingsten Wirkung zeigen darf - von der Platzierung der Woche als nachpfingstliche Woche, dass sie hier einen Platz hat als Wirken des Geistes, ebenso dass sie von einer Pfingstnovene vorbereitet wird und im Horizont des Wirkens des Geistes gestaltet wird.

Warum gehört missionarisches Handeln zur christlichen Glaubenspraxis?

© stephanscom.at
Jäggle: "Mission ist ein personales Geschehen. Das Medium ist die Person, aber nicht weil diese Person Ideale erfüllt, sondern weil sie authentisch ist."

Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Es liegt in der Natur der Sache, dass man an dem, was einen selbst bewegt, andere Anteil haben lässt. Mission ist keine "Extraveranstaltung", die zu dem Vielen, das man tut, noch dazu kommt, sondern sie ist Teil christlichen Lebens. Wenn z. B. eine Gemeinde eine einladende Praxis hat, dann hat das schon missionarische Qualität, weil sie dadurch die zuvorkommende Liebe Gottes sichtbar und erfahrbar macht.

Inwiefern bedeutet Mission mehr als "jemanden von der christlichen Lehre überzeugen"?

Mission wird nie bedeuten, andere von der christlichen Lehre zu überzeugen. Wer das betreiben will, verzichtet auf Kommunikation auf Augenhöhe und respektiert weder Lebenssituation und Lebensmöglichkeiten anderer Menschen noch das Wirken des Heiligen Geistes. Mission ist keine ausgefeilte Praxis des Überredens oder Überzeugens, sondern Kommunikation des Evangeliums auf Augenhöhe, die bestimmt ist von einem Prozess der Verständigung.

Müssen verkündende Christen gebildet sein?

In einer Gesellschaft, in der Bildung so essentiell für die Zukunft ist, bedarf es qualifizierter Bildung, um christlichen Glauben öffentlich kommunizieren zu können. Es bedarf des Verständnisses der anderen, in deren Horizont und Verstehen man sich äußern will.
Katechese ist zuallererst ein personales Geschehen und daher ist auch Mission ein personales Geschehen. Das Medium ist die Person, aber nicht weil diese Person Ideale erfüllt, sondern weil sie authentisch ist - in all der Bruchstückhaftigkeit, die nun einmal die menschliche Existenz ausmacht.

Ist das missionarische Selbstverständnis der Kirche im Wandel?

© Kathbild.at/Rupprecht
Martin Jäggle: "Der Begriff ‘Dialog’ im Zusammenhang mit Mission ist unverzichtbar."

Das Verständnis von Mission verändert sich derzeit in allen christlichen Kirchen Europas. Katholischerseits war Mission explizit stets eine außereuropäische Angelegenheit. Innere Mission in Europa war begrifflich in der evangelischen Kirche verankert.
Wenn bei uns der Ausdruck Mission auftaucht, dann muss man damit rechnen, dass viele schon ein geschichtlich bedingtes Verständnis davon haben. Wir können dieses Verständnis nicht außer Kraft setzen. Auch wenn wir heute ein neues Verständnis von Mission haben.
Ich bin nicht sicher, ob das öffentliche Reden von Mission der Sache selber sehr dienlich ist.
Der Begriff "Dialog" im Zusammenhang mit Mission ist unverzichtbar. Wer sich in Sachen Mission engagiert, engagiert sich in einem dialogischen Geschehen.

Wie kann durch Mission eine Verwandlung der Gesellschaft stattfinden?

Das hängt vom Verständnis und der Praxis von Mission ab, weil die Kommunikationsform viel entscheidender ist als man üblicherweise annimmt. Es gibt keinen Inhalt ohne Kommunikationsform. Es gibt eine Militanz in der Kommunikationsform, die sichert, dass alles so bleibt wie es ist. "Mission" als "Kommunikation des Evangeliums" zu verstehen bedeutet, dass das Evangelium nicht nur der Inhalt ist, sondern dass auch die Kommunikationsform dem Evangelium gemäß ist. Eine Gesellschaft, die dem Evangelium gemäßer wird, wird auch eine menschlichere Gesellschaft.

Immer wieder ist von der notwendigen "Selbstevangelisierung" der Kirche die Rede. Wie sehen Sie das?

Die Kirche bleibt immer hinter dem Anspruch des Evangeliums zurück. Dafür braucht es ein Bewusstsein. Dann entsteht die Dynamik, sich verstärkt am Evangelium zu orientieren.
Der Ausdruck "Selbstevangelisierung" gefällt mir nicht, weil er in die Tendenz der Eigenmächtigkeit geraten kann, und man dabei die Bedeutung des Wirkens des Geistes übersieht, vielleicht auch die Bedeutung des In-der-Gegenwart-Gottes-Lebens.
Angemessener wäre es davon zu reden, dass auch die Kirche selbst ständig der Evangelisierung bedarf.

Welche kirchlichen Dokumente geben Auskunft über das Verständnis der Mission heute?

Grundsätzlich sind da alle Dokumente des II. Vatikanischen Konzils wichtig. Zu stark in den Hintergrund getreten ist die Enzyklika von Paul VI. "Evangelii nuntiandi" von 1975. Das zweite ist "Dialog und Verkündigung - Überlegungen und Orientierungen zum Interreligiösen Dialog und zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi" von 1991, ein Dokument, das einen sehr langen Entstehungsprozess hat und vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog sowie der Kongregation für die Evangelisierung der Völker erstellt wurde.

Vielen Dank für das Gespräch!

(ag)

07.05.2010


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