Ingrid LoubEs liegt mir schon lange am Herzen, über einen Priester zu schreiben, der
zwar vielen ein Dorn im Auge ist, aber - nach langjähriger Erfahrung
erkennen lässt, dass er genau das für die Menschen tut, was wohl Jesus in
solchen Situationen getan hätte. Also meine ich, dass man ihn
uneingeschränkt als positives Beispiel hier beschreiben darf. Einige Szenen
aus meiner Erfahrung mit diesem Priester:
Ein junger Mensch stirbt - an Aids: die letzten 2 Jahre kann er nur mehr
im Krankenhaus betreut werden. Seine Schwester und die Eltern sind zutiefst
erschüttert über die Diagnose, die sie nicht im entferntesten erwartet
hätten. Der Anstaltsgeistliche erlebt Verurteilung, Verzweiflung, Ablehnung
und hilflose Klagen an seinem Krankenbett. Auch der Jugendliche selbst ist
verzweifelt und verbittert. Natürlich gibt es Psychologen. Auch die Ärzte
tun, was sie können. Aber: Weit darüber hinaus geht die persönliche
Begleitung des Priesters, der an seinem Bett bleibt, mit den Angehörigen
spricht und schließlich Trost und Hoffnung mit den Sakramenten spendet. Er
überwindet alle Schwierigkeiten, als die Mutter nach dem Tod um eine
"Seelenmesse" bittet, feiert sie mit der ganzen Familie so schön und
verständnisvoll, dass es gelingt, trotz des tiefen Schmerzes in Dankbarkeit
für das kurze Leben und ehrlicher Hoffnung auf Vergebung und eine ewige
Seligkeit Abschied zu nehmen.
Ein anderes Beispiel:
Dieser Priester besucht täglich alle Stationen des Krankenhauses, spricht
mit den Patienten aus den verschiedensten Ländern, mit den verschiedensten
Religionen, fragt sie nach ihren Sorgen, ihren Angehörigen, verweilt bei so
manchem an seinem Sterbebett. Er spendet die Krankensalbung - in einer
Weise, dass der Kranke sich ganz persönlich angesprochen fühlt und Mut fasst
- oder auch ruhig sterben kann. Das sind Momente, die man erleben, aber
nicht beschreiben und einfach dokumentieren oder "abhaken" kann wie einen
erledigten Job.
Aber ich habe auch erlebt, dass er ein Ohr für die Angestellten, für Ärzte,
Schwestern und Putzfrauen hat. Sie kommen zu ihm mit ihren Sorgen - vor
Dienstbeginn, nach Dienstschluss. Ich habe gesehen, wie er in wochenlanger
Arbeit - "außerhalb seiner Dienstzeit"- jedes Jahr zu Weihnachten eine große
Holzkrippe zimmert, bei der lebendige Gestalten während der Mette oder der
Sonntagsmesse zum Angreifen nahe das heilige Geschehen vorstellbar machen.
Er lädt Personal und ehrenamtliche Seelsorger/innen zu kleinen Feiern ein,
die er auf eigene Kosten und mit freiwiiligen Helfern vorbereitet hat. Er
organisiert für Patienten und für alle, die nicht nach Hause können, ein
Osterei, ein Bildchen und Palmkätzchen.
Ich glaube, dass dieser Priester das Reich Gottes erfahrbar werden lässt.
Und ich glaube, dass er trotz aller persönlichen Eigenheiten und
ungewöhnlichen Fähigkeiten auch einmalig und unersetzlich ist.
Ich möchte auch von einem anderen Priester berichten, der mich persönlich
sehr beeindruckt hat, als er - ganz jung - als neuer Pfarrer bei uns
eingesetzt wurde. Als er sich vor dem Pfarrgemeinderat vorstellen sollte,
wurden feindselige Beschuldigungen und Verdächtigungen laut - wie hätte er
denn so schnell zu so einem "Posten" kommen können, wenn nicht durch ...
alle möglichen "Hintertürln"? Er saß da wie ein geschlagenes Tier und
schwieg. Unwillkürlich musste ich an die Stelle denken: "wie ein Lamm, das
zur Schlachtbank geführt wird". Er verteidigte sich auch nicht nachher. Er
hatte einen sehr schweren Einstieg bei uns. Von Anfang an bat er unsere
tüchtigen Pfarrgemeinderäte um ihre Hilfe und fand allmählich Talente in
unserer Gemeinde, die bis dahin geschlummert hatten. Auf einmal gab es den
Bauausschuss in kompetenten Händen, die Feministinnen hatten ihre eigene
Plattform, die mit ihm immer besser ins Gespräch kam - obwohl er ihnen recht
deutlich und bestimmt ihre Grenzen aufzeigte -, es entstanden Kinder- bzw.
Familienmessen, Familienrunden, ich selbst begann auf seine Einladung hin,
ehrenamtlich Orgel zu spielen, nachdem ich schon einige Jahre den
Kirchenchor leitete, bis ich - nach Prüfung meiner Ausbildung im
Kirchenreferat - sogar offiziell angestellt werden konnte, was mir als Witwe
mit drei Kindern eine große Hilfe war und bis heute viel Freude bereitet.
Eine der schönsten Erinnerungen ist für mich das Exsultet in der Osternacht,
das er mit so einer reinen und einfachen, klaren Stimme in der dunklen
Kirche gesungen hat, dass die Weihe dieser Nacht bis in den Tag hinein
nachklingen konnte - das tiefste Geheimnis unserer Erlösung wird für einen
Augenblick erfahrbar und lässt die ewige Herrlichkeit erahnen. Ja, auch er
hatte Fehler! Aber ich bin so dankbar für die Zeit, die er bei uns war.
In unserer Pfarre war ganz kurz einmal ein afrikanischer Priester, der
eigentlich erst deutsch lernen sollte. Aber als einmal im PGR lange
diskutiert wurde, was wir alles machen könnten, um Jugendliche anzusprechen,
um Kirchenaustritte zu verhindern, um die Kirche attraktiver zu machen usw.,
da schwieg er nur kopfschüttelnd, bis ihn dann einer fragte: "Was sagen Sie
denn zu unseren neuen Aktivitäten?"."Das ist eigentlich alles nur Kosmetik.
Wir selbst müssen uns ändern!" Ja, ich glaube wirklich, dass er da recht
hat. "Seht wie sie einander lieben!" war doch das beste Argument für das
Christentum. Und dieser Priester hat ganz deutlich den Finger in die Wunde
gelegt, an der die Kirche krankt. Er hat auf das Reich Gottes hingewiesen,
das nicht von uns gemacht werden kann. Und es hat mich mit einer stillen
Freude erfüllt, dass es wirklich etwas gibt, das nicht von unseren
Bemühungen abhängig ist und das aber auch unsere Schwächen und Fehler weit
übersteigt.
Veronika Götzner (Pfarre Dornbach)
In unserer Pfarre gab es in der Missionswoche eine "Lebensmittelaktion".
Unser Herr Pfarrer hat sich vor dem Supermarkt mit vielen anderen, die sich
an dieser Hilfsaktion beteiligen wollten stundenlang hingestellt und
Menschen angesprochen. Ich selbst habe nur eine einzige Stunde dort
verbracht, aber ich habe bemerkt, dass dieses bescheidene Auftreten und um
"Unterstützung"! bitten, nicht ohne Wirkung geblieben ist. Manchmal hat sich
ein Gespräch ergeben und sehr oft ein freundliches "Wir haben uns schon
gestern gesehen". Ich denke, dass dieses Präsentsein im Alltag dazu geführt
hat, dass Kirche auch außerhalb der Kirchenmauern – nämlich mitten im Alltag
der Menschen – sehr positiv aufgenommen wurde. Ich bin unserem Pfarrer
besonders für seine Freundlichkeit und Offenheit für Ideen dankbar. Er
versteht es auch, Jugendliche anzusprechen und ihnen in der Pfarre
eine Möglichkeit für regelmäßige Treffen anzubieten. Ebenso ist ihm die
Arbeit mit Kindern im Kindergartenalter wichtig, und so haben sich mithilfe
einiger engagierter Frauen monatliche Kinderwortgottesdienste etablieren
können. Die Pfarre ist sehr lebendig – auch was Konzerte und Ausstellungen
betrifft.
Ich bin sehr froh, dass wir so nette Priester haben, die das spirituelle
Angebot in der Pfarre sicherstellen! Mir sind Anbetung und
Wochentagsgottesdienste eine wichtige Tankstelle für mein Leben als
berufstätige Mutter. Ich bin Religionslehrerin und helfe in
mehreren Bereichen der Pfarre, vor allem in der Liturgie mit. Durch diese
Arbeit habe ich auch eine gewisse Wertschätzung erfahren, und ich fühle mich
als Mitglied der Pfarrgemeinde mitverantwortlich für das Gelingen. Das
bedeutet manchmal auch eine gewisse Zeit für Vorbereitungen und
Besprechungen zur Verfügung zu stellen, aber es ist schön mit anderen
gemeinsam die jeweiligen "Aktivitäten" zu planen. Sei es, die Musik für die
Erstkommunion auszusuchen oder ein Blumenbild für Fronleichnam zu gestalten
– das Feiern des Kirchenjahres kann nicht nur einem Menschen überlassen
werden – es sind immer wieder Menschen für die Gestaltung von
Festgottesdiensten gefragt, und ich finde es gut, dass man gemeinsam mit dem
Pfarrer diese Aufgaben übernehmen darf.
Gabriele SpreitzgrabnerFür mich
bedeutet das Priesteramt "ein Herz für Menschen" zu haben. Dazu braucht man
Menschen mit einer gesunden Persönlichkeit, die anderen Menschen - auch
den Frauen - in die Augen schauen können. Denn der Blick in die
Augen eines Menschen erzählt viel von ihm - Freude, Trauer, Lebensfreude,
Verzagtheit. Dafür sind empathische Fähigkeiten notwendig, um die
Menschen zum Sprechen zu bringen. Ein Mensch, der einen Priester mit diesen
Fähigkeiten kennen lernt, wird der Kirche immer positiv gegenüber stehen -
auch in Krisenzeiten wie heute. Voraussetzung dafür ist natürlich auch,
dass der Priester die Landessprache seiner Pfarrgemeinde spricht. Leider ist
das heute nicht mehr unbedingt gegeben und stellt für die Menschen in den
Gemeinden ein großes Problem dar - Priestermangel -
Priester"import"!
Leider hat
sich die Kirche in diesem Jahr des Priesters zu wenig Gedanken über
Alternativen zur jetzigen Situation gemacht. Es scheint als ob die
verantwortlichen Herren durch eine Glorifizierung früherer
Priesterbilder sich selbst Mut machen wollen bzw. gehen sie nicht weit
genug in die Geschichte zurück. Denn dann würde man in die Zeit kommen,
die auch für die orthodoxe Kirche heute noch Gültigkeit hat, dass es zum
Priestersein nicht unbedingt notwendig ist, zölibatär zu
leben.
Gerade in
der orthodoxen Kirche hat die Liturgie einen sehr hohen Stellenwert -
ob von einem verheirateten oder unverheirateten Priester zelebriert.
Vielleicht sollten die verantwortlichen Herrn in der katholischen Kirchen
daran knüpfen, damit uns katholischen Laien ein allumfassendes
Netz an guten, gesunden und empathischen Priestern und Seelsorgern, die
unsere Sprache sprechen, umfängt.
Johanna DennerIch habe mich in den letzten Tagen sehr intensiv mit meinem Bild von
Priestern und meinen Erfahrungen in langjähriger Mitarbeit beschäftigt.
Besonders habe ich mich mit meinen "Priesterpersönlichkeiten" auseinander
gesetzt und warum gerade sie zu meinen "Lieblingspriestern" zählen. Allen
gemeinsam ist:
Sie orientieren sich an den Menschen und ihren Bedürfnissen.
Sie nehmen ihre Sorgen und Ängste wahr, ohne nach praktiziertem Christentum
zu fragen.
Viele fühlen sich in ihrer Nähe sehr wohl, weil sie auf Augenhöhe
begegnen.
Sie nehmen meine Spiritualität ernst und als ebenbürtig.
Sie sind mir Freunde, die ich jederzeit kontaktieren kann.
Sie lassen mir Raum zu Selbständigkeit. Ich darf nicht nur Vorschläge
einbringen - es wird mir auch das Vertrauen für die Durchführung
entgegengebracht.
Gerade ihnen kann ich große Wertschätzung und Ehrfurcht entgegenbringen.
Sie sind mir Vorbilder im Glauben und im Umgang mit den Menschen im Alltag.
Sie sind mir Lehrer und Begleiter.
Die Leitwörter unserer Bischofsvikare "Euer Bruder Josef" und "Zum Glauben
braucht man Freunde" gelten da genauso wie die Zusammenarbeit mit einem
Ordensmann und jetzigen Abt, mit dem ich vor etlichen Jahren seine ersten
"Exerzitien im Alltag" in unserer Pfarre organisiert habe, und der mich auf
einem Liturgiesymposium als seine Lehrmeisterin vorstellte - wo ich
ihm nicht im Geringsten das Wasser reichen kann. Dazu zählt auch unser
Pfarrer, mit dem ich mich oft schon nach ein paar Sätzen in einem tiefen
Glaubensgespräch befinde. Ihnen und vielen anderen bin ich sehr dankbar, sie
geben mir Kraft und Freude, meinen Auftrag als getaufter und gefirmter
Christ zu erfüllen.
So kann ich auch in Demut annehmen, dass ich als Dekanatsvertreterin nicht
zu allen Konferenzen eingeladen werde, weil die Priester unter sich sein
wollen.
Schade finde ich, dass dieses Priesterbild im Jahr des Priesters nicht
besser hervorgehoben wurde.
Für mich sind die am größten, die für sich kein Podest in Anspruch
nehmen.
(red)
09.06.2010
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